05:30
Das Wort "Diwan" hat viele verschiedene Bedeutungen: Polsterbank, Gedichtsammlung, Behörde, Ministerialbüro oder Ratsversammlung. Der Begriff steht für vielerlei Dinge und trägt eine Menge Historie in sich. Er erzählt die Geschichte des Islams, einer Religion, aber auch einer politischen Kultur, die über 1.000 Jahre lang ein Reich prägte, das sich vom Maghreb bis in den Nahen Osten erstreckte. Zu Gast bei "Geschichte schreiben" ist der Historiker Julien Loiseau, ein Experte der islamischen Welt des Mittelalters. Gemeinsam mit ihm geht es bei ARTE auf Spurensuche: vom Harem des Sultans bis zum Ratssaal, vom Sitz des Herrschers bis zum Papierregister offenbart das Wort "Diwan" unterschiedliche Etappen der politischen Entwicklung im Islam.
05:45
In ihrem Reich, den Ozeanen der Welt, haben die Orcas keine natürlichen Fressfeinde. Sie sind hoch entwickelte Lebewesen, bewegen sich in engen sozialen Strukturen und sind durch die weißen Flecken hinter den Augen unverwechselbar. Ihrer hohen Rückenflosse verdanken die Orcas auch den Namen Schwertwal. Seit Ende des ersten Corona-Lockdowns im Mai 2020 greift eine atlantische Orca-Population in der Straße von Gibraltar und bis hoch in die Biskaya Segelboote an. Die Tiere folgen den Booten und attackieren die Ruder so lange, bis diese zerstört sind. Ob es sich bei den Angriffen um gelerntes Nachahmungsverhalten handelt, ist nur eine von vielen Theorien zu dem neuen Phänomen. Fachleute nennen die Angriffe Interaktionen, denn in der Regel wird nur das Ruder attackiert und zerstört. Menschen sind bisher nicht zu Schaden gekommen. Trotzdem: Der Segler Martin Evans will diese Erfahrung nicht noch einmal machen. In anderen Regionen der Erde werden neue Verhaltensweisen von einigen Orca-Populationen bekannt, die - wie eine Mode - kommen und gehen. Orcas sind gesellige und intelligente Tiere, die offensichtlich neue Dinge wie Jagdtechniken ausprobieren. Forschende sind sich weitgehend einig, dass die Gibraltar-Schwertwale unter starkem Stress stehen. Die Meerenge und die gesamte iberische Küste sind stark von Schiffen aller Art befahren, Menschen und Tiere konkurrieren um Thunfisch und die Lärmbelästigung ist hoch. Die Dokumentation beleuchtet die aktuellen Theorien von Forschern, Wissenschaftlern und Seglern zum Verhalten der Tiere.
06:40
Die Erholung ist ein Prozess im Körper des Menschen, der erstaunlich schwer dingfest zu machen ist. Eine gebräuchliche Analogie sei, so die Arbeitspsychologin Jessica de Bloom von der Universität Groningen, ein Akku, der leerläuft und wieder aufgeladen wird. Doch wo dieser Akku im menschlichen Körper zu finden ist und wie genau er angekurbelt wird, sind offene Fragen. Und davon gibt es einige rund ums Thema der Urlaubserholung. Die Vorstellung, der Körper müsse sich erholen, stammt aus dem Kosmos von Eisenbahn und Industrie. Dort, erklärt der Tourismushistoriker Hasso Spode, hätten Ingenieure Materialermüdungen durch hohe Beanspruchung beobachtet. Dieses Bild wurde ohne weitere Versuche oder Beweise auf den Menschen übertragen. Eine gewisse Unschärfe gehört also von Anfang an zur Idee der Erholung dazu. Heute wird mit der Notwendigkeit der Erholung unter anderem der Anspruch auf bezahlten Urlaub begründet. Nur: Wie lange der dauern sollte, damit der innere Akku gut aufgeladen ist, sei nicht gut untersucht, sagt Klaus Lieb vom Mainzer Leibniz Institut für Resilienzforschung. Unklar ist auch, was genau im Gehirn passiert, wenn wir nach einer langen Konzentrationsphase erschöpft sind. Wie kam es also zur Gleichsetzung von Urlaub mit Erholung? Was bringt uns die Urlaubsreise tatsächlich? Und was können wir über das verblüffend unklare Konzept der Erholung heute herausfinden?
07:10
Roms Ruinen zeugen von Macht und Größe ebenso wie von Vergänglichkeit und Verfall. Bis heute bestimmen sie das Erscheinungsbild der sogenannten ewigen Stadt und ziehen Millionen von Touristen aus der ganzen Welt in ihren Bann. Doch das historische Erbe der Stadt am Tiber ist auch eine enorme Verantwortung und Herausforderung für Städteplaner, Architekten, Archäologen, Historiker und Restauratoren. Schicht um Schicht ist Rom über Jahrhunderte gewachsen - bis heute birgt die Stadt der Meisterwerke unzählige verborgene oder vergessene Schätze. Freilichtmuseum und moderne Metropole - muss Rom sich neu erfinden? Die Dokumentation zeichnet ein facettenreiches Bild der italienischen Hauptstadt auch jenseits der Touristenpfade. Denn die Seele der Metropole findet sich nicht nur im monumentalen Zentrum mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten, sondern - Ergebnis einer chaotischen Stadtplanung - vor allem in seinen Vororten. Gerade hier in den Randbezirken stößt man auf das ursprüngliche und wahre Rom und dessen Bewohner. Mit aktuellen Bildern, Archivmaterial, Filmausschnitten und Romexperten unternimmt der Film eine Reise in Geschichte und Gegenwart der vielen Gesichter der "Grande Bellezza".
08:05
Der Legende nach ließ Venus, die Göttin der Schönheit und Liebe, bei einem Ritt über die Wolken ihre mit sechs Edelsteinen besetzte Halskette ins Wasser fallen. Aus ihnen entstanden die sechs Inseln des Toskanischen Archipels. Der größte und für viele auch schönste Edelstein unter ihnen ist Elba. Die Reisedokumentation begleitet Menschen auf Elba, die ihre Heimat lieben und sich für den Erhalt der Natur und der alten Traditionen dort einsetzen. Wir sind unterwegs mit einem Fotografen, der besondere Menschen auf Elba und deren Arbeit porträtiert und fahren mit auf dem Katamaran einer Meeresforscherin, die für die Delfine rund um Elba kämpft. Das Kamerateam blickt über die Schulter eines Restaurantbesitzers, der alten Rezepten neues Leben einhaucht, ist bei einem historischen Volksfest dabei und begleitet Freitaucher bei ihrer Wanderung durchs Meer.
09:00
In unserer Milchstraße funkeln Hunderte Milliarden Sterne. Da scheint es fast unmöglich, dass nicht einer von ihnen von einer zweiten Erde umkreist wird. Tatsächlich konnten wir lange Zeit überhaupt keine Planeten außerhalb unseres Sonnensystems sichten, weil sie zu weit entfernt waren. Inzwischen wissen wir zwar von Tausenden "Exoplaneten" - doch wie viel wissen wir wirklich über sie? Bevor wir eine dieser fernen Welten zu unserem "Planet B" erklären, müssen wir grundlegende Fragen beantworten: Gibt es dort feste Oberflächen, flüssiges Wasser oder gar Pflanzen? Könnten wir die Atmosphäre atmen, ohne zu ersticken? Obwohl diese Fragen aus Lichtjahren Entfernung kaum zu beantworten scheinen, hat sich die Forschung genau das zum Ziel gesetzt. Die US-Astronomin Sara Seager analysiert Sternenlicht, das durch die Atmosphäre von Exoplaneten gefiltert zu uns dringt. Zugleich baut der niederländische Astronom Ignas Snellen in der Atacama-Wüste in Chile an einem gigantischen Teleskop mit, das direkte Fotos von Exoplaneten aufnehmen soll. Aber werden diese Fortschritte genügen, um eines Tages eine zweite Erde zu finden?
09:25
Faszinierend, emotional, künstlerisch einzigartig. Die zeitgenössische Fotografie widmet sich zunehmend der besonderen Verbindung zwischen Mensch und Tier. Ob als liebevolle Wegbegleiter, skurrile Persönlichkeiten oder beeindruckendes Massenphänomen - Künstler haben erkannt: Tiere bieten weit mehr als das klassische Wildlife-Motiv. Der Pole Tomasz Gudzowaty reist mit seiner Mittelformatkamera um die ganze Welt und zeigt Motive aus der Tierwelt, die er als riesige, malerische Bildwelten inszeniert. In Schwarz-Weiß konzentriert er sich ausschließlich auf die optische Wirkung atemberaubender Massenphänomene. Die Motive des mehrfach mit dem World Press Photo Award ausgezeichneten Gudzowaty, der zu den bekanntesten Fotografen Polens zählt, bestechen durch ihre einzigartige, malerisch anmutende Ausdrucksweise. Er folgt großen Tiergruppen, wie Zebras in Afrika oder Pinguinen auf den Falklandinseln, mitunter über Monate.
09:55
10:30
Die Wälder des Nationalen Naturreservats Fanjingshan in der chinesischen Provinz Guizhou sind unberührt und dank der Bemühungen des Reservatleiters Yang Yequin geschützt. Doch er wird sich demnächst als Forschungsleiter zurückziehen. Sein Nachfolger Nui Kefeng hat sich entschieden, mit Überwachungskameras zu arbeiten, die herausfinden sollen, wie sich die letzten 700 noch lebenden Guizhou-Goldaffen verhalten, wenn keine Beobachter in der Nähe sind. Dabei erwartet die Forscher eine erstaunliche Überraschung. Etwa 1.000 Kilometer nordöstlich erhebt sich in der Provinz Anhui ein anderer heiliger Berg: Auf dem Tianzhu steht das 400 Jahre alte buddhistische Nonnenkloster Jidi An. Die friedliche Stimmung wird durch eine Baustelle gestört: Ein neues Gebäude für den großen goldenen Buddha von Jidi An soll entstehen. In einem Tal am Fuße des Fanjing liegt ein geheimnisvoller blauer Teich, dessen glasklares Wasser auf die Menschen wie ein Jungbrunnen wirkt. Angeblich kann deshalb auch Yang Heping, ein alter Papiermacher aus dem angrenzenden Dorf, noch unermüdlich seiner uralten Profession nachgehen. Am Berg Tianzhu läuft das Leben inzwischen glücklicherweise wieder in geregelten Bahnen. Der Einblick in den Klosteralltag in Jidi An offenbart, dass genügsame Selbstversorgung und ein tiefer Respekt für die Natur das Leben der Nonnen bestimmen. So kann die Äbtissin endlich zu ihrer Reise in die Heimat der Goldaffen, auf den Berg Fanjing, aufbrechen. Von ihrer Höhenangst will sie sich dabei nicht aufhalten lassen, denn sie ahnt, dass sie auf dem Gipfel des Fanjing ein betörender Ausblick erwartet.
11:15
Im nordostindischen Assam ist der Kaziranga-Nationalpark, der zum Weltnaturerbe der Unesco gehört, ein wichtiges Rückzugsgebiet selten gewordener Arten. Hierzu zählen Königstiger, Asiatische Elefanten und die weltweit größte Population wilder Wasserbüffel. Inzwischen rücken die Siedlungen der Menschen immer näher an Kaziranga heran. Im Süden begrenzt eine stark befahrene Nationalstraße die Wälder und Sumpfgebiete, dahinter befinden sich Dörfer, Reisfelder und riesige Teeplantagen. Weil die Wanderrouten von Elefantenherden abgeschnitten werden, fallen immer häufiger hungrige Elefanten in die Reisfelder ein, zertrampeln die Ernte und greifen Dörfer an. Gleichzeitig gefährden Wilderer den Bestand des Indischen Panzernashorns, dessen Horn in der traditionellen chinesischen Medizin begehrt ist. Aber es gibt auch Bewohner, die die Wildtiere in Kaziranga schützen. Raju Kutum hat gelernt, mit der steten Bedrohung durch Elefanten zurechtzukommen, die nachts an seinem Dorf vorbeiziehen. Heute kümmert er sich in einer Rettungsstation für Wildtiere um verwaiste Elefantenjunge und wirbt um Verständnis bei der Dorfbevölkerung. Die Nordgrenze des Kaziranga-Nationalparks bildet der Brahmaputra. Auf einer Sandinsel mitten im Fluss leben seit Generationen Viehfarmer. Die Kühe ihrer Herden werden regelmäßig von wilden Wasserbüffeln gedeckt, die aus dem umgebenden Park auf die Insel schwimmen. Die so gezeugten weiblichen Nachkommen geben besonders wertvolle Milch. Doch Tiger bedrohen die Existenzgrundlage der Farmer. Sie schwimmen immer wieder durch den Fluss und reißen die Nutztiere.
12:00
Vor der Küste Borneos liegt eines der artenreichsten Riffgebiete der Welt - der Meerespark Tun Sakaran. Geschaffen hat diese einzigartigen, magischen Unterwasserlandschaften, die zur Heimat Hunderter Korallen- und Fischarten wurden, einst ein Vulkanausbruch. Doch seit Tun Sakaran zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, um seine seltenen Meerestiere zu schützen, müssen sich die Menschen, die hier ebenfalls vom Meer leben, neue Einkommensmöglichkeiten suchen. Für die Familien der Sama Dilaut, die in einfachen Pfahlbauten auf dem Wasser leben, ist die Zukunft damit ungewiss geworden, denn in einigen Riffen ist das Fischen inzwischen vollständig verboten. Für viele Bewohner des Parks ist es schwierig, ihr Leben an die Schutzmaßnahmen anzupassen. Doch nur unter diesem Schutz werden die Fische hier eines Tages wieder ihre volle Größe erreichen und die Bestände sich in die legalen Fischereizonen im Meer ausdehnen. Die ungeheure Artenvielfalt wird erhalten bleiben und den Menschen eine sichere Zukunft eröffnen. Andere haben ihren Weg schon gefunden, im Naturschutzgebiet zu überleben und gleichzeitig die Vielfalt des Meeres zu schützen. Direkt über den Riffen haben einige Familien Algenfarmen aufgebaut. Auf zahlreichen grünen Inseln dürfen Farmer siedeln, solange sie den Wald nicht weiter roden. Daneben verfügen die Inselgehölze über ganz eigene Schutzmechanismen: Immer wieder erscheinen den Farmern Waldgeister, die sie ermahnen, die Natur zu bewahren. Und die Wünsche der Geister respektiert man besser.
12:45
Die Regenwälder des Khao Sok, einer der schönsten Nationalparks Thailands, gehören zu den ältesten der Welt. Um die Tiere hier kümmert sich Jo, der Chefbiologe für Südthailand. Zu seinen Aufgaben gehört es, die im Park lebenden Fledermausarten zu bestimmen. Sie zu fangen ist schwierig und gefährlich. Immer wieder passiert es, dass er und seine Mitarbeiter von einem Tier gebissen werden. Das ist überaus schmerzhaft und kann zu lebensbedrohlichen Infektionen führen. Immer wieder werden im Khao-Sok-Nationalpark neue Spezies entdeckt. Und Jo würde gerne eine neue Fledermausart fangen. Sorgen bereiten ihm die Elefanten des Parks. Ein Stausee zerteilt die großen Waldgebiete und beeinträchtigt die Wanderung der Elefanten. Jo muss einen Ausweg suchen, um die Bestände der Tiere zusammenzuführen. Von hier aus ziehen sich Kalksteinkarstberge bis hinunter zur südwestlichen Küste Thailands. Auch im Golf von Thailand sind die Karstberge zu finden, die oft von Höhlensystemen durchzogen sind. Dort brüten die Weißnestsalanganen, deren Nester hoch an den Höhlendecken hängen und die in China als Delikatesse gelten. Ein Vermögen wird für die Nester aus Vogelspeichel bezahlt, aber nur unter Gefahren können die Männer von den Inseln sie ernten. Im Nationalpark Khao Sok streift der Biologe Jo mit seinen Leuten durch die Wälder auf der Suche nach Elefanten. Keiner weiß, wie viele hier leben. Er will ihre Zahl erfassen. Die Wälder und der große See des Khao Sok sind bestechend schön, aber der friedliche Eindruck täuscht. Das Leben im Einklang mit der Natur verlangt den hier lebenden Menschen all ihre Kraft ab.
13:30
Der wegen schweren Raubes zu einer langen Haftstrafe verurteilte Frank Morris kann bereits mehrere erfolgreiche Gefängnisausbrüche verzeichnen, und so wird er auf die Gefängnisinsel Alcatraz verlegt. Die dort erbaute Hochsicherheitsanlage gilt als unüberwindbar, umgeben von einem Todesstreifen, scharfen Klippen und eiskaltem Wasser. Gleich zum Haftantritt macht der zynische Gefängnisdirektor dem intelligenten, charismatischen Morris klar, was seine Ziele für das berühmt-berüchtigte Alcatraz sind: Man wolle keine besseren Menschen aus den Gefangenen machen, sondern dass sie sich bewusst würden, eine Anomalie der Gesellschaft zu sein. Das führt unter anderem dazu, dass der sensible Häftling Doc sich vor den Augen der Wärter und Mitgefangenen die Finger abhackt, nachdem der Direktor dem leidenschaftlichen Maler aus Willkür sein Handwerk verboten hatte. Morris entwickelt schließlich einen ausgeklügelten Fluchtplan, und er findet Verbündete. Eines Nachts bricht er gemeinsam mit seinem Zellennachbarn Charley Butts und den Brüdern Clarence und John Anglin auf, um die Freiheit zu erlangen. Doch nach langer Vorarbeit könnte sich die Naturgewalt des eiskalten Wassers in der San Francisco Bay als größter Gegner herausstellen ... Der Film nimmt sich Zeit für die Planung der Flucht, die strategische Intelligenz, die Akribie und das Geschick hinter dem Wagnis. In diesem Plot liegt eine Botschaft, die über die Mauern des Gefängnisses hinausweist: Nicht unbedingt das Ergebnis, sondern die zielführende, sinnstiftende Tätigkeit ist es, die das Leben eines Menschen zu erfüllen vermag.
15:15
Siena im 14. Jahrhundert: eine aufblühende Metropole, die an wichtigen Handelsstraßen nach Mitteleuropa sowie am Pilgerweg nach Rom liegt. Die Stadt wird von einer bürgerlichen Regierung beherrscht. Ihre Bürger können voller Hoffnung in die Zukunft blicken - bis plötzlich die Pest ausbricht, der 30 bis 60 Prozent der Bevölkerung zum Opfer fallen, Schätzungen variieren. Diese Menschheitsseuche zeitigt große Verwerfungen in der Gesellschaft, denn der Schwarze Tod lässt viele Menschen verzweifeln. Städte werden entvölkert, jeder beargwöhnt jeden, ob von ihm eine tödliche Gefahr ausgeht. Kinder meiden ihre Eltern. Ganze Dörfer werden aufgegeben, und weite Landstriche werden - mangels Menschen, die sie bebauen - wieder zu wilder Natur. Der Meister gibt sein Wissen nicht mehr an den Lehrling weiter, der Erfahrungsschatz von Jahrhunderten geht verloren. Die soziale Ordnung bricht zusammen. Weniges bleibt, wie es war, nachdem Yersinia Pestis seinen Totentanz in Europa beendet hat. Mit der Chronik des Schuhmachers Agnolo di Tura liegt das Zeugnis eines Sienesen vor, der die Geschehnisse beim Ausbruch und Verlauf der Pest beobachten konnte und sie eindrücklich in seinem Tagebuch festgehalten hat. Schon Zeitgenossen di Turas fragten sich, woher diese Geißel Gottes wohl kam. Lange war der Ursprung unbekannt. Doch nun wurde in Skelettresten aus längst vergessenen Gräbern in Kirgisistan die DNA der frühesten nachgewiesenen Pesterreger gefunden - des Erregers, der jahrhundertelang Europa in Angst und Schrecken versetzte.
16:45
Sie waren Pionierinnen, die Stillleben und Zeichnungen für die Wissenschaft lieferten: Rachel Ruysch, Maria Sibylla Merian, Alida Withoos, Clara Peeters, Margareta de Heer oder Maria Moninckx. Sie holten im 17. Jahrhundert das tierische Leben in ihre Bilder und waren die ersten Dokumentaristinnen von Naturkunde und Artenvielfalt, ein damals gänzlich unbekannter Begriff. Das aufkommende große wissenschaftliche Interesse an Zoologie und Botanik führte dazu, dass niederländische Missionare große Mengen an Daten zur Natur der eroberten Territorien sammelten und diese Funde nach ihrer Rückkehr veröffentlichten - oft mithilfe der Bilder dieser Künstlerinnen. Sie hatten große Bedeutung für den damaligen Kunstbetrieb in Amsterdam, denn der wirtschaftliche Erfolg und Reichtum der Niederlande seinerzeit ist auch eine Erzählung von Kunst, Kultur und Kolonialgeschichte. Während die erfolgreichen Künstlerinnen zwischenzeitlich zum großen Teil vergessen waren, wird ihr Werk heute neu gewürdigt, und ihre Bilder sind weltweit in Museen zu sehen.
17:40
Anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi im Jahr 2025 führen Théotime Langlois de Swarte und die Musiker des Ensembles Le Consort das berühmte Werk in Vivaldis Geburtsstadt Venedig auf. Ihre Interpretation auf barocken Instrumenten kehrt zu den Ursprüngen zurück und nähert sich der Intention Vivaldis, der sein Werk als Sinnbild für die Kraft der Natur und der Elemente verstand. Jenseits ihrer idyllischen Schönheit enthalten diese vier Konzerte eine zeitlose Botschaft: Indem sie die Sinne ansprechen und den Kreislauf des Lebens nachempfinden, regen sie zum Nachdenken über die menschliche Existenz an. An symbolträchtigen und prachtvollen Orten Venedigs, wie dem Palazzo Contarini della Porta di Ferro, dem Palazzo Grassi und der Fondazione Giorgio Cini, präsentieren Théotime Langlois de Swarte und sein Ensemble die einzelnen Jahreszeiten zu unterschiedlichen Tageszeiten - vom Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit, dem zyklischen Ablauf des Stückes folgend: Im Frühling zeigt sich Venedig in goldenes Morgenlicht getaucht, im Sommer unter einem bedrohlichen Gewitterhimmel, und während der Winter wie ein Totentanz in f-Moll erklingt, bricht die Nacht herein. Zusammen mit dem Musikwissenschaftler Olivier Fourés besucht Théotime Langlois de Swarte die ehemaligen Aufführungsorte von Vivaldis Musik und entdeckt einzigartige Dokumente wie die Erstausgabe der "Vier Jahreszeiten" oder die Notizen der berühmten italienischen Geigerin Anna Maria dal Violin, einer Schülerin Vivaldis.
18:35
Früher stand fast vor jedem Haus ein Holunderstrauch - man schrieb ihm schützende Kräfte zu. Nach alten germanischen Legenden wohnte die Göttin Holla zwischen seinen Zweigen. Schüttelte sie die Äste, fielen die Blüten wie Schneeflocken zu Boden - ein Bild, das später in das Märchen "Frau Holle" der Brüder Grimm einging. Elfi und Lars Triebe bewirtschaften seit 30 Jahren ein Obstgut, auf dem sie Äpfel, Birnen, Kirschen und Zwetschgen anbauen. Am Rande ihrer Plantagen wächst wilder Holunder, dessen weiße Blüten sich im Sommer in tiefschwarze Beeren verwandeln. Diese sind nicht nur reich an Vitaminen, sondern auch kulinarisch vielseitig. Mit ihrem süß-säuerlichen Aroma verfeinern sie zahlreiche Rezepte der spätsommerlichen Küche. Aus den Beeren stellen die Triebes Saft und Gelee für den Eigenbedarf her. Ganz in der Nähe bauen Dorothea Ulrich und Maria Wahle Gemüse an, das sie wöchentlich an Abnehmer aus der Umgebung liefern. Sie setzen auf sogenannte solidarische Landwirtschaft, ein moderner Trend, bei dem Profit zur Nebensache wird. Zum Ende der Erntezeit laden die "SoLaWis" die Familie Triebe und andere Landwirte aus der Gegend zum Erfahrungsaustausch und zum Plauschen bei Zwiebelkuchen und Holunder-Mousse ein.
19:10
Die auf vielen Sendern vorgenommene strikte Trennung von Politik- und Kulturnachrichten wird hier aufgehoben. Es werden Schnittpunkte aus beiden Bereichen präsentiert und Zusammenhänge dargestellt.
19:30
Weil es nicht mehr genug alte Bäume mit natürlichen Hohlräumen gibt, schlagen die Zeidler - die Waldimker - mit selbst geschmiedeten Werkzeugen Baumbeuten in die Stämme und hoffen, dass sich dort Bienen niederlassen. Wenn das gelingt, greifen sie in das Leben der Bienen so wenig wie möglich ein. Honig wird nur einmal im Jahr geerntet, und das auch nur, wenn die Bienen genug Vorräte für den Winter gesammelt haben. Piotr ist nach seinem Studium in der Stadt mit seiner Familie in den Wald seiner Kindheit zurückgekehrt. Aber der Wald hat sich durch die Forstwirtschaft verändert. Viele Flächen liegen brach. Mit der aus dem Mittelalter stammenden Kunst der Bienenhaltung will Piotr ein Zeichen setzen und zeigen, wie ein Leben im Einklang mit der Natur möglich ist. Dazu hat er sich mit weiteren Zeidlern zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Und die Gemeinschaft wächst. Denn diese Art der Bienenhaltung ist für viele eine Inspiration für eine artgerechte Form der Imkerei und für ein Leben im Einklang mit der Natur. Die Dokumentation begleitet Piotr und die Bruderschaft der Zeidler durch den Spätsommer auf dem Weg zum großen Erntefest. Hier steht nicht der Ertrag im Mittelpunkt, hier wird die Zeidlerei gefeiert, die seit 2020 in Polen und Belarus von der Unesco als immaterielles Kulturerbe anerkannt ist.
20:15
April 2009: Der US-amerikanische Frachter "Maersk Alabama" wird auf dem Weg nach Kenia vor der somalischen Küste von vier Piraten überfallen. Kapitän Richard Phillips, ein erfahrener Seemann, versucht zunächst, die Angreifer mit taktischen Manövern abzuwehren. Doch als die Piraten unter der Führung des jungen Muse an Bord gelangen, ist ihnen die Besatzung ausgeliefert. Phillips opfert sich, um seine Crew zu schützen, und lässt sich als Geisel auf ein Rettungsboot bringen. Was folgt, ist ein psychologisch aufgeladener Zweikampf auf engstem Raum, bei dem Phillips mit List und Geduld gegenüber Muse versucht, Zeit zu gewinnen, während die US-Marine die Rettungsaktion koordiniert. Die Piraten, allesamt junge Männer aus prekären Verhältnissen, wirken ebenso verletzlich wie gefährlich. Ihre Motive sind komplex: Armut, Perspektivlosigkeit und der Druck ihrer Auftraggeber treiben sie an. Der Film zeigt ihre inneren Konflikte und die wachsende Verzweiflung, als sie merken, dass sie in einer Situation gefangen sind, die sie nicht mehr kontrollieren können ... Die Inszenierung von Paul Greengrass generiert Spannung durch die Dynamik zwischen Phillips und Muse. Greengrass gelingt es, die globalen Machtgefälle und die menschliche Dimension des Konflikts sichtbar zu machen, ohne dabei in einfache Schuldzuweisungen zu verfallen. Wie bereits bei früheren Produktionen setzt Greengrass eine handgehaltene Kameraführung ein, die das Geschehen lebensnah einfängt.
22:25
Von "Forrest Gump" über "Cast Away - Verschollen" bis "Sully": Tom Hanks wurde zum ganz normalen Helden, der turbulenten Ereignissen standhalten muss und immer wieder Zuversicht ausstrahlt. In seiner Karriere, die in den 1980ern ihren Anfang nahm, hat er es geschafft, eine einzigartige Beziehung zu seinem Publikum aufzubauen, zum Spiegel - und Vorbild für viele US-Amerikaner und Amerikanerinnen zu werden. Ein Soldat im Chaos des D-Days in der Normandie ("Der Soldat James Ryan"), ein Astronaut bei einer missglückten Mond-Mission ("Apollo 13"), ein aidskranker, schwuler Anwalt in einer homophoben Gesellschaft ("Philadelphia"), ein Antiheld, der mit 30 Jahren Geschichte konfrontiert wird und den Menschen weltweit ins Herz schlossen ("Forrest Gump"). Ob fiktive oder reale Personen, sie alle haben nur ihren gesunden Menschenverstand, ihre Empathie und schließlich ihre Resilienz als Waffen gegen die Widrigkeiten der Welt. Statt Heldenpose Menschlichkeit. Seine Werte und die seiner Figuren machten Tom Hanks zum Weltstar, zum "good guy next door", zum Star mit Vorstadt-Normalität. Als einer, der stets Zuversicht vermittelt, ist er zu "America's Dad" geworden, manch einer und eine wünschte sich sogar seine Kandidatur fürs Weiße Haus. Doch die Spaltung der Gesellschaft macht es ihm zunehmend schwer, eine verbindende Kraft zu sein. Das Porträt stützt sich auf zahlreiche Interviews mit dem Schauspielstar. Mit Humor und Nahbarkeit erzählt er von seiner Kindheit, seinem Werdegang in Theater und Film, seinen Inspirationsquellen und seinem Arbeitsethos. Archivmaterial und Filmausschnitte veranschaulichen seine beeindruckende Karriere und lassen den Eindruck entstehen, einem alten Freund wiederzubegegnen.
23:20
Der Regisseur und Drehbuchautor Steven Spielberg, dessen außergewöhnliches Talent früh erkannt wurde, hat die Filmgeschichte der letzten fünf Jahrzehnte maßgeblich geprägt. Er gilt als einer der kommerziell erfolgreichsten Regisseure, Produzenten und Filmemacher Hollywoods. Doch sein Werk ist persönlicher, als es auf den ersten Blick scheint: Viele seiner frühen Filme greifen Ängste auf, die ihn in seiner Kindheit begleiteten - etwa die Furcht vor dem Ozean ("Der weiße Hai") oder vor den endlosen Straßen Amerikas ("Duell"). Seine kindliche Einsamkeit verarbeitete er in Filmen wie "Unheimliche Begegnung der dritten Art" und "E.T. - Der Außerirdische". Darin stellte er Außerirdische - entgegen dem damaligen Feindbild - als wohlwollende Wesen dar, so wie er sich selbst Freunde gewünscht hätte. In seiner Schulzeit wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft ausgegrenzt und gehänselt. Dieses lange verdrängte Thema griff er schließlich in "Schindlers Liste" auf - ein Film, der nach vielen Höhen und Tiefen einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Schaffen markierte. Seine Kindheit, die sich zunächst bruchstückhaft durch sein Werk zieht, verarbeitete er erst Jahrzehnte später in dem autobiografischen Drama "Die Fabelmans", das 2022 in die Kinos kam. Bislang unveröffentlichtes Archivmaterial, Filmausschnitte, Making-ofs und Interviewauszüge fügen sich zu einem vielschichtigen Porträt eines berühmten und dennoch wenig bekannten Filmemachers. Die Dokumentation erkundet sein Genie und seine außergewöhnliche Schaffenskraft.