aspekte: Das Schweigen der Kunst - Wie der Kulturbetrieb Amerikas verstummt
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ZDF
23.01., 23:30
- 00:15 Uhr
Ein Jahr Trump II hat nicht nur außenpolitisch Spuren hinterlassen, sondern auch, in Europa fast unbemerkt, deutliche Veränderungen in der Kulturpolitik gebracht.
Für "aspekte" reist Jo Schück nach New York, Philadelphia und Washington D.C. und sucht Künstlerinnen, Künstler und Kulturinstitutionen, um eine Bilanz nach einem Jahr Trump II zu ziehen. Was alles andere als einfach ist.
Donald Trump und seine Administration greifen durch: nicht nur politisch, sondern auch und vor allem bei einem fundamentalen Freiheitsthema, der Freiheit der Kunst. So jedenfalls ist der Eindruck, den Jo Schück bei seiner Reise entlang der amerikanischen Ostküste gewinnt, denn nie war es so schwer, überhaupt jemanden vor die Kamera zu bekommen: Dutzende Absagen kassierte das Team im Laufe der Recherchen und Dreharbeiten, einige davon klangen sehr nach Ausrede ("Wir müssen einen Weihnachtsbaum aufstellen"), nur sehr wenige lieferten den wohl wahren Grund: Angst. Angst davor, dass "sie uns finden, uns beobachten", wie eine Kulturmanagerin schreibt. Sie hat Angst, gar keine Aufträge mehr zu bekommen. Mit "Sie" sind unter anderem Mitarbeiter des Kennedy-Centers für darstellende Kunst gemeint, dessen Leitung komplett ausgewechselt wurde und das seitdem Kunstprojekte etwa aus der queeren Szene aus dem Programm genommen hat.
"Trumps Leute nutzen künstliche Intelligenz, um die Social-Media-Kanäle der Künstler zu scannen", sagt Buchautor Darrell M. West im Interview. Trumps Kulturpolitik ziele darauf ab, das Narrativ von der "elitären Kunst, die sich nicht um kleine Leute kümmert" zu bedienen. Dass das Kennedy Center nun in "The Donald J. Trump and John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts" umbenannt wurde, führte zwar zu Protesten, aber die klangen sehr schnell wieder ab. Was ist los in der demokratischen, linken amerikanischen Kunstszene? Schweigt die Kultur?
Jo Schück trifft unter anderem Künstlerinnen wie Michele Pred, die mit schrillen Kostümen vor Donald Trumps Residenz gegen seine frauenfeindlichen Sprüche protestiert, und begleitet sie bei einer illegalen Kunstaktion am Guggenheim Museum in New York. Sie sei wütend, sagt Michele Pred, weil so viele kuschen, sich nicht wehren, nicht mehr auffallen wollen.
Was mit denen passiert, die nach wie vor provokante Kunst ausstellen (und das ist in den Augen der Trump-Administration alles, was auch nur in der Nähe der LGBTQI+ -Szene ist), erklärt Alyssa Nitchun vom Leslie-Lohman Museum of Art für queere Kunst: Man sei als "Posterchild" der in Ungnade gefallenen Kunst ständig Zielscheibe der rechten Szene, und habe zum ersten Mal in der Geschichte Security angeheuert. Hilfe bekomme sie nicht von den etablierten Netzwerken der großen Kunsthäuser und Museen, nur von den kleinen, unabhängigen Institutionen. Dort, in der Untergrund-Szene, verspüre sie noch so etwas wie Solidarität.
Die ehemalige PEN-Präsidentin der USA, Schriftstellerin Jennifer Egan, wundert es nicht. Denn auch vor der zweiten Trump-Regierung war es in der etablierten Kunstszene gang und gäbe, sich eben nicht zu unterstützen. Ständig gab es Vorwürfe, dieser oder jener würde sich kulturell nicht richtig verhalten. "Wir haben es gehasst, aber wir haben nichts gesagt", gibt sie zu.
Intrigen von links, offene Gegnerschaft von rechts: Die Kultur der Gegenwart ist in den USA unter Druck. Einige Museumsbesucher ahnen es voraus: Vor dem Museum für afroamerikanische Kunst und Kultur in Washington trifft Jo Schück zwei Frauen, die es so formulieren: "Wir kommen hierher, so lange es noch geht."