21:00
Ein Großteil der Parkinson-Patienten wird zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt, für die Gesellschaft oft unsichtbar. So auch Peter Kosmol, jahrzehntelang Professor der Mathematik, jetzt umsorgt von seiner Frau. Bis wann kann Mutter Karine die Pflege allein bewältigen? Und ist der Schritt in ein Pflegeheim unumgänglich? Viele Jahre lang haben Margaretas Eltern die Parkinson-Erkrankung des Vaters vor ihr verborgen. Doch mit jedem Besuch im Reihenhaus in der Nähe von Kiel werden die Symptome klarer: Peter, vor Ausbruch der Krankheit sportlich und aktiv, verliert Tag für Tag ein Stück mehr Kontrolle über seinen Körper. Zittern, verlangsamte Bewegung, Gleichgewichtsstörungen, Antriebslosigkeit. Für die Mutter ist die Pflege eine Selbstverständlichkeit - und wird zur Hauptaufgabe. Doch die Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte häufen sich, Selbsthilfegruppen und Pflegetrainer können nur bedingt unterstützen. Derweil sitzt Peter noch immer bis tief in die Nacht am PC vor seinen Mathe-Gleichungen. Die intimen Beobachtungen sind verwoben mit bunten Filmaufnahmen, die die NDR Journalistin Margareta Kosmol schon im Grundschulalter begonnen hat. Sie zeigen Peter im Hörsaal, im Garten, beim Bleigießen auf der Familienfeier. Artefakte aus der Vergangenheit, die die Tristesse des Parkinson-Alltags kontrastieren. Die NDR Story über ein Ehepaar, das gemeinsam kämpft gegen die Krankheit und die Angst, einander zu verlieren, ist ebenso ein Porträt einer Generation, die Verantwortung ganz selbstverständlich übernimmt und oft nicht an Dritte abgeben mag - bis weit über die Grenzen der Belastbarkeit. Ein Film über Verlust und die Liebe am Leben.
21:45
22:15
Es herrscht Aufbruchstimmung. Die junge Generation der Roma hat es satt, ausgegrenzt, stigmatisiert und in alltäglichen Lebensbereichen wie Schule, Wohnungssuche und Arbeit benachteiligt zu werden. Sie wollen neue, selbst bestimmte Wege gehen. Jahrhundertealte Vorurteile sind tief in der Gesellschaft verankert. Antiziganistische Vorfälle nehmen wieder zu; Rechtsruck. Rassismus. Stigmatisierung von Kindern, wenn Schülerinnen und Schüler mit dem Z-Wort betitelt werden, das die Nationalsozialisten zur Verunglimpfung benutzten. Die früher rechtlose Minderheit hat aus Angst vor Verfolgung gelernt, Informationen über ihre Kultur oder ihr Leben für sich zu behalten und unter sich zu bleiben. Heute gehen junge Roma neue Wege. Über Brücken, die sie selbst bauen, die Mut erfordern. Sich zu zeigen offenbart den Wunsch nach Öffnung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und mehr Verständigung zwischen den Kulturen. Da ist Estera Sara Stan, sozialisiert im Nachbarschaftshaus Neukölln mit Theaterprojekten und Empowerment-Workshops. Das will die angehende Grundschullehrerin weitergeben. Da ist David Paraschiv. Seine Mutter musste im Supermarkt ihren Rock heben, damit der Mitarbeiter sehen konnte, dass sie darunter nichts Geklautes verbarg. Die Wut und Trauer aus dieser Erniedrigung säten beim Teenager David den Wunsch, sich für die Rechte der Roma-Minderheit einzusetzen. Jetzt studiert er soziale Arbeit. Da ist Stefan Pavlovic. Trotz Hänseleien, Gewalt und einer Förderschul-Empfehlung schaffte er das Abitur und studiert nun Politik und Recht. Weltweit gibt es Roma, die studiert haben, wohlhabend sind. Aber vielen Roma - meist in südosteuropäischen Ländern - ist ausreichende Bildung verwehrt, weil sie rassistisch ausgegrenzt werden. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen, ohne Anbindung an Infrastruktur und ohne gerechte Teilhabe. Mersud Selman hat bosnische Wurzeln. Er ist queer, arbeitet als Friseur und hat in Berlin die Freiheit gefunden, sich nicht mehr zu verstecken. Er zeigt seine Roma-Identität und lebt sein Queersein. Neben seinem Job als Friseur verarbeitet er Themen, die das Leben seiner Minderheit spiegeln, in seiner Malerei. Der Film taucht in das Alltagsleben der jungen Roma ein. Er offenbart ihre Hoffnungen, Träume, Herausforderungen und Visionen. Vor allem zeigt er, wohin der Weg führen kann, wenn Beobachtung, statt Zuschreibung zählt.
22:45
Wowereit versteht es wunderbar, seine Politik in prägnante Slogans zu packen. Fürs Sparen sucht und findet der smarte Bürgermeister einen eiskalten Vollstrecker, den damals kaum jemand kennt: Sein Name: Thilo Sarrazin. Wieder so ein Duo an der Spitze der Stadt: Der freundliche Party-Bürgermeister und der eiserne Sparkommissar. Der von ihnen in Gang gesetzte radikale Sparkurs verschärft die sozialen Konflikte in der armen Stadt dramatisch. Das wird besonders in den klammen Problembezirken Kreuzberg und Neukölln deutlich. Das raue und arme Image der harten Stadt Berlin machen sich junge Berliner Hip-Hop Künstler- und Künstlerinnen rund um Kool Savas und seinen Kumpel Sido längst zunutze. Sie verwandeln es zu knallhartem und oft nicht jugendfreiem Berliner Battle-Rap und machen es zu ihrem Markenzeichen, das von dem Kreuzberger Keller aus die Jugendzimmer ganz Deutschlands erobert. Und auch die Berliner Techno- und Partyszene erlebt eine Renaissance und zieht von der eng gewordenen Berliner Mitte an neue Orte voller Industriebrachen, der bis dahin in einem Dornröschenschlaf lag: Das Spreeufer, wo unter anderem die Bar 25 eröffnet wird und nicht unwesentlich zu Berlins neuem Image bei, das Bürgermeister Wowereit wieder in einen weltberühmten Slogan packt: "Berlin ist arm, aber sexy".
23:40
Nach Jahren der Stagnation und des Niedergangs wächst Berlin plötzlich in rasanter Geschwindigkeit. Die Berliner Bürger und die Clublandschaft bekommen die Schattenseiten des Booms zu spüren: Erst werden Clubs von finanzstarken Investoren verdrängt, dann die Bewohner. Der Kampf der Bürger gegen Verdrängung, Gentrifizierung und für eine weiterhin lebenswerte Stadt wird zum Überthema des Jahrzehnts. Und die Bürger finden immer neue Mittel und Aktionsformen, um sich erfolgreich zu wehren. Der zunehmend entrückt wirkende Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit versteht derweil seine Bürger nicht mehr und macht sich mit einer Bauruine, die ein Großflughafen werden sollte, zum Gespött der ganzen Welt, während der alte Flughafen Tempelhof zur Zuflucht von Geflüchteten wird und der Stadtteil Neukölln endgültig zum Symbol für gescheiterte Migrationspolitik und kriminelle Clan-Kriminalität. Und als ob das nicht genug wäre, versetzt zu Beginn des neuen Jahrzehnts eine Pandemie die Stadt, die jetzt wirklich eine Weltmetropole ist, in eine Schockstarre, die alles verändert. Willkommen im Berlin der Zehnerjahre.