22:15
"Menschen der Zukunft!" - mit diesem Zuruf einer Leningraderin beginnt der Film über eine der großen Untaten des Zweiten Weltkrieges: "Eroberer und Krieger künftiger Schlachten! Habt mehr Respekt und Zärtlichkeit für Städte! Denkt daran, dass Städte beim Untergang schreien. Denn ihr Tod ist unwiderruflich und kann von niemandem und niemals gerechtfertigt werden." Über 80 Jahre ist das her. Und heute? Wir selbst sind die Menschen der Zukunft - und könnten erschrecken über die Gegenwart dieser Vergangenheit. Die Blockade Leningrads hat in diesem Film ein Frauengesicht. Denn die meisten der Aufzeichnungen stammen von Frauen. Es sind Tagebücher des Sterbens - oder des Überlebens. Versuche, sich selbst zu bewahren, durchzustehen, nicht hinzustürzen und liegenzubleiben wie so viele Entkräftete, Sterbende. Mühsam der alles lähmenden Schwäche abgerungene, schonungslose Zeilen. Die Schreiberinnen fürchten sich nicht vor dem Feind und nicht vor der Kommunistischen Partei, die sich als unfähig erwiesen hat. Die verantwortlich ist dafür, dass die einen zu essen haben, die anderen nicht: "Es hieß doch: "Wir sind auf den Krieg vorbereitet. Oh, Ihr Abenteurer, Ihr Schurken, Ihr rücksichtslosen Schurken!" - Manchmal bricht Weinen in die Stille. Das heißt: Eine Brotkarte wurde gestohlen. Niemand fängt stürzende Menschen auf. Stumpf und gleichgültig gehen die Toten von morgen vorbei. "Auf allen Fotos von Stalin eine unglaubliche Selbstgefälligkeit. Wie geht es jetzt dem armen Narren, der glaubte, er sei wirklich der große, allmächtige, allweiseste, göttliche Augustus?" Kein Wunder, dass diese Stimmen nach dem Krieg ungehört verklangen, ja: unterdrückt wurden. Sie passten nicht zum Pathos des Leningrader Heldenlieds, das nun offiziell angestimmt wurde. Der Hungertod ist kein Heldentod.
23:45
In Russland ist Kritik am Krieg gegen die Ukraine oder an Putins Herrschaft ein Verbrechen. Tausende gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger wurden in den letzten Jahren deswegen festgenommen, angeklagt und inhaftiert. Staatsfeinde - Russlands politische Gefangene erzählt ihre Geschichten: ein Jugendlicher, der zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde; eine Theaterregisseurin, die Opfer eines Schauprozesses wurde; ein Menschenrechtsaktivist, der trotz Verfolgung nicht aufhört zu sprechen; und Mütter, die um die Freiheit ihrer Kinder kämpfen. Eine junge russische Filmemacherin begann die Unterdrückung von innen heraus mit heimlich gedrehtem Filmmaterial zu dokumentieren. Der Film, der auch als Reaktion auf Alexander Nawalnys Tod entstand, heißt im Original "Politzek", wie auch die etwa ein Tausend politisch Inhaftierten in Russland genannt werden. Er ist eine Hommage an diejenigen, die sich nicht brechen lassen und täglich für ein anderes Russland kämpfen. Mit heimlich gedrehtem Filmmaterial - darunter seltene Einblicke in russische Gefängnisse - zeigt der Dokumentarfilm eindringlich die Maschinerie der Repression in Russland. Er erzählt Geschichten von Menschen, die festgenommen, angeklagt und inhaftiert wurden, weil sie es wagten, Kritik am Krieg gegen die Ukraine oder an Putins Herrschaft zu äußern. Dazu gehört die Geschichte des Menschenrechtsaktivisten, Oleg Orlov, der trotz Verfolgung nicht aufhört zu sprechen und schließlich im Gefangenenaustausch 2024 nach Deutschland ausreisen kann. Genauso wie die Künstlerin Sasha Skochilenko. Wegen ihrer Kritik am Krieg gegen die Ukraine war sie zu sieben Jahren Straflager verurteilt worden. Der Film zeigt Aufnahmen des kafkaesk anmutenden Gerichtsprozesses vor einem russischen Militärgericht gegen die Regisseurin Schenja Berkowitsch, an dessen Ende 6 Jahre Haft stehen für ein Theaterstück. Und er erzählt die bewegende Geschichte des 15jährigen Schülers Arsenij Turbin, der für das Verteilen von kremlkritischen Flugblättern zu 5 Jahren Strafkolonie verurteilt wird.