21:00
Die Dokumentation widerlegt charmant Vorurteile, denn wer bei Köthen nur an den abfälligen Beinamen "Kuh-Kaff" denkt, verpasst einen der geschichtsträchtigsten und gleichzeitig lebendigsten Orte Mitteldeutschlands. Autorin Katja Herr begleitet vier außergewöhnliche Persönlichkeiten, die das Gesicht des modernen Köthen prägen: Martin Olejnicki, der eigentlich nur seine drei Pflichtjahre als Pfarrer absitzen wollte - und nach 13 Jahren feststellt, dass er eine neue Heimat gefunden hat, die er nie wieder verlassen möchte. Nadine Baer, die nach zehn Jahren in den Niederlanden als neue Musikschulchefin zurückkehrte und nun Kultur als gelebte Demokratie feiert. Christian Ratzel wird vorgestellt, der leidenschaftliche Universalhistoriker, der die geheimen Schätze der Stadt hütet. Und Folkert Uhde, der Berliner Klassik-Rebell und Intendant der Bachfesttage, der Bachs Erbe so radikal modernisiert, dass es im wahrsten Sinne des Wortes im Schloss spukt. Köthen ist der Ort, an dem Johann Sebastian Bach seine weltberühmten Brandenburgischen Konzerte erschuf und Samuel Hahnemann die Homöopathie begründete. Es ist die Stadt, in der vor 400 Jahren die deutsche Schriftsprache kultiviert wurde - ein Erbe, das heute von der Computerlinguistin Prof. Uta Seewald-Heeg mit internationalen Studierenden aus fast 100 Nationen in die Zukunft getragen wird. Doch die Dokumentation blickt auch auf die Schattenseiten: die rechten Aufmärsche von 2018 kommen zur Sprache und den tagtägliche Kampf für Toleranz durch den jungen Organisator des CSD in Köthen, Julian Miethig. Ein Film voller überraschender Perspektivwechsel, emotionaler Höhepunkte und einer großen Portion Humor. Nach diesen 45 Minuten steht fest: Beim nächsten Mal steigen Sie in Köthen aus!
21:45
anschl.: das MDR-Wetter
22:10
Die Anschläge in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992 stehen auch mehr als 30 Jahre später bundesweit für einen Höhepunkt an rassistischer Gewalt. Doch es gibt eine Vorgeschichte, die bis heute kaum zur Kenntnis genommen worden ist. Angriffe auf Migranten und Unterkünfte für Geflüchtete gab es schon zuvor, und zwar flächendeckend. Mit der Wiedervereinigung wurden auch nationalistische Stimmen lauter, mit der Ankunft der ersten Asylbewerber organisierte sich wütender Protest. Zudem verübten Gruppen von Jugendlichen Brandanschläge auf Asylunterkünfte in Ueckermünde, Schwerin, Ribnitz-Damgarten und Greifswald, sogar zeitgleich an einem Tag. Auch Vertragsarbeiter aus Vietnam und ausländische Studierende wurden frühe Opfer. Mehr als 100 solcher Angriffe gab es vor dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen allein in Mecklenburg-Vorpommern. Die meisten davon sind heute kaum beachtet und nicht aufgearbeitet. Filmaufnahmen geben Aufschluss über Täter und Opfer von damals. Die NDR-Autorinnen Carolin Kock und Jette Studier recherchieren die Zeit vor dem Fanal. Sie rekonstruieren das Erstarken der rechten Jugendkultur, treffen auf damals hilflose Polizisten in neuen Strukturen, eine erkennbar überforderte Justiz, wütende Anwohnerinnen und Anwohner und die Opfer dieser gewalttätigen Zeit. Der Film trifft sie mehr als 30 Jahre später und zeigt das, was damals kaum jemand sehen wollte.
22:55
Forrest Tucker (Robert Redford) ist alles andere als ein gewöhnlicher Bankräuber: Der stilvolle ältere Herr muss nur seinen Revolver zeigen, um geräuschlos die Barbestände ausgehändigt zu bekommen. Als höflicher Vollprofi, der niemanden mehr als nötig verängstigen oder unnötigerweise in Gefahr bringen möchte, bleibt er selbst beim überrumpelten Bankpersonal in bester Erinnerung. Mit seinen ebenfalls betagten Komplizen Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) geht Tucker Ende der 1970er-Jahre auf Beutezug. Erst als sich der Provinzpolizist Hunt (Casey Affleck), zufällig Zeuge eines Überfalls in Dallas, auf die Spur der Altherrengang heftet, wird das Ausmaß der erstaunlichen Raubserie sichtbar: mehr als 70 Banküberfälle in mindestens fünf US-Bundestaaten! Obwohl FBI-Captain Calder (Keith Carradine) den spektakulären Fall an sich zieht, ermittelt Hunt auf eigene Faust weiter. Schon bald kommt er Tuckers Identität auf die Spur und findet heraus, warum dieser bis ins hohe Alter eine Bank nach der anderen ausraubt. Auch die verwitwete Farmbesitzerin Jewel (Sissy Spacek), die Tucker auf der Flucht nach einem seiner Coups kennengelernt hat, ist von dem charismatischen Ganoven fasziniert. Um mit ihr einen Neuanfang zu wagen, müsste sich der passionierte Berufsverbrecher allerdings zur Ruhe setzen.