22:30
Sie waren einst eine große Attraktion auf den Jahrmärkten, Rummelplätzen und Volksfesten: die sogenannten Boxbuden, Dort konnten Freiwillige gegen die Mitarbeiter der Boxbude in den Ring steigen. Bezahlen mussten sie dafür nichts - außer mit einem Veilchen oder einer blutigen Nase. Bezahlen mussten nur die neugieren Zuschauer - und die gab es reichlich bei diesem Spektakel. Wenn ein Freiwilliger jedoch den Kampf gewann, winkte ihm z. B. in der Boxbude von Werner Sindermann 500 Mark Siegprämie. Oft fand sich aber in einer Vorstellung trotz der Aussicht auf schnell verdientes Geld zunächst kein Freiwilliger. Alle hatten Angst sich zu blamieren - oder eben auch Angst vor den Schlägen, die sie womöglich einstecken mussten. Aber Werner Sindermann - Angehöriger einer traditionsreichen Schaustellerfamilie aus Detmold - wusste sich zu helfen in solchen Momenten, wenn keiner aus dem Publikum den nötigen Mut hatte. Schon sein Vater hatte diese Boxbude betrieben und heimliche Chefin des Ganzen ist auch heute noch seine Mutter. Die Boxer gehören zur Familie, sind Söhne, Schwiegersöhne usw. Leicht war dieses Geschäft nicht für die Betreiber und Angestellten und deswegen hat dieser Satz von Werner Sindermann auch durchaus seinen Sinn: "Wir haben uns immer durch's Leben geboxt." Ein wunderbares Porträt der Familie Sindermann und ihres Geschäfts durch den großen Dokumentarfilmer Rudolf Werner aus dem Jahr 1994.
23:10
Ein ganzes Dorf im Nordosten von Baden-Württemberg scheint nur aus Händlern, Landfahrern und Schaustellern zu bestehen. In diesem Ort mit Namen Fichtenau - er liegt zwischen Crailsheim und Ellwangen - siedelten unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg sogenannte Jenische. Jenische waren überall in Europa von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen, weswegen sie eine lange Tradition im Hausierhandel entwickelten, um zu überleben. Diese Tradition reicht bis in unsere Tage. Ein Fernsehteam begleitete die Nachkommen der einstigen "Colonisten" auf Märkte und Festplätze. Da gibt es z. B. einen älteren Herrn auf einem schwer bepackten alten Fahrrad: Das ist der Bürstenbinder Albert Müller, der mit seinen 83 Jahren immer noch per Fahrrad in ländlicher Gegend unterwegs ist und Bürsten und Besen verkauft. Johann und Clara Scherrle (75) wiederum sind seit Jahren mit einem rollenden Kramladen auf Tour: Auf dem Trödlermarkt in Neuweiler verkaufen sie Geschirr und Herr Scherrle versieht auf Wunsch auch einen Tontopf mit einem feuerfesten Boden, Der traditionelle Krämermarkt in Ellwangen wird fast ausschließlich von Fichtenauer Händlern bestritten. Die Schausteller-Familien Walter Wagner und Konrad Knodel richten ihre Wagen für die Reise her. Vor Ort dann bauen sie ihre Karusselle, ihre Buden und die Auto-Scooter-Bahn auf und meist nach nur einer Woche auch wieder ab. Familie Knodel steht dann irgendwann auf einem überschwemmten Festplatz und erklärt, was es für sie bedeutet, wenn Hochwasser verhindert, dass sie ihr Geschäft betreiben können.
23:55
Landschaftsbilder und Impressionen aus dem Schwarzwald stellen einen Bezug her zwischen der Mentalität seiner Bewohner und dem Metier des Drehorgelbaus als einer einstigen Besonderheit der Region. Denn in Waldkirch im Schwarzwald kennt man seit mehr als zwei Jahrhunderten die mechanische Musik. Als Michael Scherenberg 1976 seine Dokumentation über diese Handwerkstradition drehte, gab es in Waldkirch allerdings nur noch einen aktiven Orgelbauer. Zu ihm werden am Ende der Saison die Jahrmarktsorgeln gebracht, um sie optisch und technisch wieder fit zu machen fürs nächste Jahr. Zu Wort kommen noch aktive Orgelbauer, Restauratoren, Karussellbesitzer und ein 90jähriger Drehorgelspieler. Sie alle nehmen zur Geschichte des mechanischen Orgelbaus Stellung und zu technischen Details der Instrumente.