22:55
Er ist ein König ohne Krone und doch ist Herzog Franz von Bayern als Familienchef der Wittelsbacher äußerst beliebt und respektiert. Diskret und klug, gleichzeitig mit einer charmanten Nonchalance, lenkt er das Geschick der Familie und verbindet 800 Jahre Tradition mit der heutigen Zeit. Die Filmemacherin Julia Benkert durfte den Wittelsbacher eine Woche lang begleiten. Sie zeigt einen heiteren, ungewöhnlich nahbaren Herzog, dessen Neugier auf das Leben und die Kunst ungebrochen ist. Denn wie schon seine Vorfahren Ludwig I. und II. besitzt auch er ein untrügliches Gespür für die Avantgarde und einen Sinn für die Kunst. Noch ganz jung, in den 1950er-Jahren, nachdem er und seine Familie als bekennende Nazigegner die Inhaftierung in verschiedenen KZs überlebt haben, beginnt für ihn der Aufbruch in eine neue Welt. Es zieht ihn nach New York, wo er die aufregende Welt der Kunst entdeckt. Die Experimentierfreude und das freie Denken der Künstler dort faszinieren ihn. Diesen Geist will er auch nach München bringen, dorthin wo moderne Kunst unter Hitler als 'entartet' verbannt wurde. Bald gehen die Künstler beim ihm ein und aus und er beginnt zu sammeln, intuitiv und mit großem Appetit: Baselitz, Blinky Palermo, Penk. Er mag das ruppige, unkonventionelle. Auch privat. Das offene Geheimnis, die Beziehung zu seinem langjährigen Lebensgefährten Thomas Greinwald, lüftet er selbstbewusst, gleichzeitig diskret über den Weg der Kunst - mit einem Doppelporträt von Erwin Olaf. Von Anbeginn seiner Sammelleidenschaft will er die Bilder der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, was fehlt ist ein geeignetes Museum dafür. Ministerpräsident Stoiber macht zur Bedingung, dass zwanzig Millionen Mark privat aufgebracht werden müssen. Der Herzog lässt sich nicht beirren. Seine Begeisterung, München wieder zur Kunststadt zu machen, steckt an. In kürzester Zeit treiben er und seine Mitstreiter die Summe auf. 2002 dann wird die Pinakothek der Moderne eröffnet in direkter Nachbarschaft zur Alten und Neuen Pinakothek, ebenfalls von einem Wittelsbacher, von Ludwig I. erschaffen. Damit entsteht eines der größten Kunstareale Europas und Herzog Franz gelingt es, auch ohne Krone, Bayern ganz im Sinne der Wittelsbacher zu prägen, es weltoffener und kunstsinniger zu machen.
23:25
Ein Pinguin, der nihilistisch in seinen sicheren Tod watschelt, eroberte Anfang des Jahres das Internet. Dahinter steckt: Ein Dokumentarfilm des legendären Regisseurs Werner Herzog. Doch wie konnte diese Tierdoku zum Social Media Hype werden, und äh... stimmt das mit dem nihilistischen Pinguin überhaupt? Wir widmen uns der wahnwitzigen Karriere von Werner Herzog und seinen recht speziellen Umgang mit der Wirklichkeit - und werden erfahren, wie Herzog in den USA zum Superstar werden konnten und warum der Pinguin seine finale Rache am Deutschen Kino ist.www.googlede
23:40
Wir schreiben das Jahr 1862. Ein vereintes Deutschland, wie wir es heute kennen, existiert nicht. Stattdessen rivalisieren Preußen und Österreich um die Vorherrschaft im 'Deutschen Bund', der lose aus zahlreichen Königreichen und Fürstentümern besteht. Als Ende September 1862 der Junker Otto von Bismarck (Torsten Münchow) zum preußischen Ministerpräsident ernannt wird, ist damit aus heutiger Sicht der Grundstein gelegt für die weitere Entwicklung, in der Deutschland geeint und innerhalb weniger Jahrzehnte zur stärksten Wirtschaftsmacht des Kontinents wachsen wird. In zwei Teilen à 90 Minuten schildert Regisseur Bernd Fischerauer spannend und umfassend den Aufstieg und Fall Bismarcks, die Gründung der deutschen Sozialdemokratie und die allgemeine Gesellschaftsentwicklung eines aufstrebenden Deutschen Reiches, das nur wenige Jahre nach Bismarcks Abdankung den bis dahin schlimmsten Krieg der Menschheitsgeschichte verursachen wird. Beide Teile bilden den chronologischen Beginn der insgesamt zehnteiligen BR-alpha-Dokumentarspiel-Reihe "Vom Reich zur Republik", die sich diesen und weiteren Eckdaten deutscher Geschichte widmet. 'Die Reichsgründung' schildert die Jahre 1862 bis 1871, in denen Bismarck vom preußischen Ministerpräsidenten zum Reichskanzler des Deutschen Reiches aufsteigt. Nach weniger als zehn Jahren und drei Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich eint der zielstrebige und brillante, aber auch kompromisslose und manipulative Politiker mit "Eisen und Blut" Deutschland zum ersten Mal in der Geschichte als Nationalstaat. Doch diese auch als "Revolution von oben" bezeichnete Politik wird bei weitem nicht von allen geteilt. Zu Bismarcks erbitterten Gegnern gehören neben vielen Parlamentariern sowie Teilen der Königsfamilie auch die verfolgten Sozialisten Wilhelm Liebknecht (George Meyer-Goll) und August Bebel (Philipp Oehme), deren Ziel Bismarcks Entmachtung und die staatliche Neuordnung ist, um auch dem ständig wachsenden Arbeiterteil der deutschen Gesellschaft endlich Gehör und soziale Sicherheit zu verschaffen. Als am 18. Januar 1871 das Deutsche Reich mit Kaiser Wilhelm I. (Michael Mendl) und Bismarck an der Spitze gegründet wird, scheint der ehemalige Junker jedoch zunächst das Spiel für sich entschieden zu haben. Unter der Regie von Bernd Fischerauer wird die Zeit vor, während und nach der deutschen Reichsgründung mit viel Liebe zum Detail wieder lebendig. Bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig besetzt, macht das aufwändige und dramatische Dokumentarspiel es sich zur Aufgabe, dem Zuschauer sowohl die historischen Fakten als auch einen Einblick in die Sorgen und Nöte der damaligen, höchst unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zu vermitteln. Packender kann Geschichte im Fernsehen nicht sein.