18:35
Frühmorgens, wenn der Nebel aufsteigt, beginnt der Arbeitstag für Zura Javachischwili. Mit dem Boot fährt der Ornithologe über den Paliastomi-See, mitten hinein in den "Amazonas Georgiens": Der Kolcheti-Nationalpark im Westen Georgiens ist ein perfektes Revier für Vogelbeobachtungen. Rund 100 Arten leben in den Feuchtgebieten, einige verbringen den Winter hier. Über 30.000 Hektar unberührte Natur machen das Gebiet an der Schwarzmeerküste so besonders. Wasserstraßen führen durch uralte Regenwälder, die die Eiszeit überlebt haben. Die Ökosysteme sind bis zu 20 Millionen Jahre alt. Der Mensch wurde jedoch zur Bedrohung. Früher gab es viel Abholzung in der Region. Dank der jungen Generation wächst jedoch ein neues Bewusstsein, wie beispielsweise die Umweltschützerinnen Alexandra und Eleni zeigen: Sie pflanzen Eichensetzlinge im Wald. Ein Großteil des Kolcheti-Nationalparks besteht aus Torfmooren und Sümpfen. An einigen Stellen sind die Torfschichten mehr als zwölf Meter dick. Biologin Izolda Matchutadze erforscht sie mit einem speziellen Bohrer. Mitten in den Wäldern wohnt ein Unikat: Oleg Melua. Während seiner Kindheit war die Region noch besiedelt, jetzt ist er der letzte Bewohner des Nationalparks. In Sowjetzeiten betrieben viele Familien hier Landwirtschaft. Nun muss der 64-Jährige seinen Unterhalt mit ein paar Kühen finanzieren. Ein wichtiger Teil der georgischen Kultur sind Chöre und traditionelle Volkslieder. Auch für Givi Abesadze spielte Gesang schon immer eine große Rolle. Beim Proben mit Freunden für ein Kirchenkonzert zeigt sich, dass auch Trinksprüche Teil der Identität sind.
19:20
Die auf vielen Sendern vorgenommene strikte Trennung von Politik- und Kulturnachrichten wird hier aufgehoben. Es werden Schnittpunkte aus beiden Bereichen präsentiert und Zusammenhänge dargestellt.
19:35
19:40
Die Gastronomen Benedetta Ragusa und Toni Rinnone essen zufällig bei Verwandten zu Mittag, als ein gewaltiger Erdrutsch ihr Wohnhaus am Stadtrand von Niscemi in die Tiefe reißt. Tagelange Regenfälle hatten den Untergrund aufgeweicht und schließlich brach die Erde ohne Vorwarnung auf einer Länge von circa vier Kilometern weg. Jetzt bedroht der Abgrund weitere Teile des historischen Zentrums. Auch die beiden Gaststätten von Benedetta und Toni liegen in der von den Behörden errichteten Sperrzone. Die beiden konnten ein paar Einrichtungsgegenstände retten - aber ob die Häuser stehen bleiben, ist ungewiss. "Unser Herz ist für immer gebrochen", sagt Toni. "Jetzt müssen wir bei null anfangen und wissen nicht, was dabei herauskommt". Für viele Bewohner ist die Katastrophe eine Wiederholung der Ereignisse: Bereits 1997 gab es am Stadtrand einen kleineren Erdrutsch. Maria Campione musste damals auch ihr Haus verlassen, durfte nach ein paar Tagen aber wieder zurück. Doch diese Hoffnung gibt es dieses Mal nicht. Ihr Haus steht zu nah am Abhang. "Es wird abgerissen", sagt Tochter Ivanka. "Es wird nichts mehr da sein, nur noch Luft". Maria Campione bleiben nur ihre Erinnerungen und eine Wut auf die Behörden. "Nach 1997 wurde nichts getan", sagt sie. "Dieser Erdrutsch hätte verhindert werden können". Damals wurden Millionen Euro für Sicherungsmaßnahmen bereitgestellt, die jedoch nur teilweise umgesetzt wurden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gegen Politiker und Bauunternehmer. Der Vorwurf: Sie hätten von der Gefahr gewusst, aber nichts unternommen.
20:15
Siena im 14. Jahrhundert: eine aufblühende Metropole, die an wichtigen Handelsstraßen nach Mitteleuropa sowie am Pilgerweg nach Rom liegt. Die Stadt wird von einer bürgerlichen Regierung beherrscht. Ihre Bürger können voller Hoffnung in die Zukunft blicken - bis plötzlich die Pest ausbricht, der 30 bis 60 Prozent der Bevölkerung zum Opfer fallen, Schätzungen variieren. Diese Menschheitsseuche zeitigt große Verwerfungen in der Gesellschaft, denn der Schwarze Tod lässt viele Menschen verzweifeln. Städte werden entvölkert, jeder beargwöhnt jeden, ob von ihm eine tödliche Gefahr ausgeht. Kinder meiden ihre Eltern. Ganze Dörfer werden aufgegeben, und weite Landstriche werden - mangels Menschen, die sie bebauen - wieder zu wilder Natur. Der Meister gibt sein Wissen nicht mehr an den Lehrling weiter, der Erfahrungsschatz von Jahrhunderten geht verloren. Die soziale Ordnung bricht zusammen. Weniges bleibt, wie es war, nachdem Yersinia Pestis seinen Totentanz in Europa beendet hat. Mit der Chronik des Schuhmachers Agnolo di Tura liegt das Zeugnis eines Sienesen vor, der die Geschehnisse beim Ausbruch und Verlauf der Pest beobachten konnte und sie eindrücklich in seinem Tagebuch festgehalten hat. Schon Zeitgenossen di Turas fragten sich, woher diese Geißel Gottes wohl kam. Lange war der Ursprung unbekannt. Doch nun wurde in Skelettresten aus längst vergessenen Gräbern in Kirgisistan die DNA der frühesten nachgewiesenen Pesterreger gefunden - des Erregers, der jahrhundertelang Europa in Angst und Schrecken versetzte.
21:40
Haben wir Menschen den Lauf der Geschichte eigentlich selbst in der Hand? Oder sind mikroskopisch kleine Erreger entscheidender, als wir glauben? Infektionskrankheiten von der Pest über die Spanische Grippe bis Covid-19 haben gravierende Spuren hinterlassen. Die Dokumentation betrachtet die größten Seuchen der Menschheitsgeschichte - gemessen daran, wie stark sie Gesellschaften verändert und Machtstrukturen ins Wanken gebracht haben. Die tödlichen Auswirkungen der Pest sind unbestritten: Im 14. Jahrhundert löschte sie schätzungsweise die Hälfte der europäischen Bevölkerung aus. Doch damit nicht genug, wie der Soziologe Jonathan Kennedy zeigt: Die Pest untergrub nebenbei den Feudalismus und legte das Fundament für die Reformation und den modernen Kapitalismus. Würden wir ohne die Pest also heute noch im Mittelalter leben? Mindestens genauso einschneidend war ein anderes Ereignis im Jahr 1492. Ein gewisser Christoph Kolumbus segelte nach Amerika. Mit an Bord: eine Menge tödlicher europäischer Viren und Bakterien. Diese trafen bald auf die nicht-immunisierten Bewohner eines fernen Kontinents. Innerhalb weniger Jahrzehnte starben daran bis zu 90 Prozent der indigenen Bevölkerung - die größte demografische Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Über Jahrhunderte gewachsene Kulturen und Berge an regionalem Wissen gingen zum Teil unwiederbringlich verloren. Welche Zukunft hätten diese Zivilisationen wohl gehabt, wären sie von den eingeschleppten Krankheiten verschont geblieben? Und was erwartet uns in der Zukunft?
22:10
Toskana, frühes 17. Jahrhundert: Benedetta tritt als Kind ins Kloster ein und wächst zu einer Nonne heran, die von Erscheinungen Christi berichtet. Als die Novizin Bartolomea Zuflucht im Kloster sucht, entsteht zwischen beiden eine heimliche Beziehung. Als Benedetta Stigmata aufweist, beginnt ein Machtkampf um Glaube und Wahrheit. Historien-Drama von Paul Verhoeven. Pescia in der Toskana zu Beginn des 17. Jahrhunderts: Die junge Benedetta wird von ihren Eltern in ein Kloster gebracht - in der Überzeugung, dass ihre Tochter unter besonderem Schutz Christi steht. Jahre später ist sie eine respektierte Ordensschwester, doch ihre religiösen Visionen, die sie seit ihrer Jugend begleiten, sorgen weiter für Misstrauen. Als Benedetta von rätselhaften Schmerzen heimgesucht wird, wird ihr eine junge Novizin zur Seite gestellt, die sie pflegen soll: Bartolomea, die vor Gewalt in ihrem Elternhaus geflohen ist und nur wegen Benedettas Fürsprache im Kloster aufgenommen wurde. Zwischen der frommen, willensstarken Benedetta und der frivolen Bartolomea wächst eine enge Bindung, die sich zunehmend gegen die Regeln des Konvents richtet. Gleichzeitig werden Benedettas Visionen immer häufiger - bis sie eines Morgens mit Wundmalen an Händen und Füßen aufwacht. Für viele sind die Stigmata ein Zeichen göttlicher Auserwähltheit, weshalb sie zur neuen Äbtissin ernannt wird. Für andere sind die Verletzungen ein billiger Täuschungsversuch und Benedettas neuer Status ihnen ein Dorn im Auge: Privilegien, Einfluss und eine wachsende öffentliche Verehrung treffen auf Neid, Zweifel und den Versuch, das Geheimnis hinter den "Wundern" offenzulegen.