19:40
In vielen ländlichen Regionen Frankreichs wird medizinische Versorgung zur Herausforderung: Hausärztinnen und -ärzte gehen in den Ruhestand, Praxen schließen und die nächste Anlaufstelle ist oft weit entfernt. Um diese Lücken zu schließen, entstehen ungewöhnliche Kooperationen. Der Postbote Mourad ist seit Jahrzehnten in Voiron im Département Isère unterwegs und genießt das Vertrauen seiner Kunden. Seit Neuestem verabredet er sich mit den älteren unter ihnen auch zu einem kleinen Gesundheitscheck. Dabei stellt er ihnen Fragen zum Gedächtnis und zur Stimmung, testet das Hörvermögen und die Beweglichkeit. Die Ergebnisse werden an das Universitätskrankenhaus in Grenoble weitergeleitet und dort analysiert. Falls es Auffälligkeiten gibt, werden die Personen dort weiter betreut. Drei Tage die Woche ist auch eine mobile Arztpraxis in der Region unterwegs. Das maßgeschneiderte Fahrzeug macht Halt in abgelegenen Gemeinden, die vom Ärztemangel betroffen sind. Hier bietet der pensionierte Allgemeinmediziner Yves mit seinen Kollegen täglich bis zu zehn Sprechstunden an. In kurzer Zeit muss er sich dort ein Bild von Patientinnen und Patienten machen, die oft lange ohne medizinische Betreuung waren und deren Krankheitsgeschichte er noch nicht kennt. Wie früher in seiner eigenen Praxis ist das Spektrum der Krankheiten groß, und manchmal kann seine Behandlung Leben retten.
20:15
Am Anfang steht das Ideal der Freiheit, seit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 Kern der amerikanischen Identität. Doch dieses Versprechen galt lange nicht für alle. Der Kampf um gleiche Rechte zieht sich durch die gesamte US-Geschichte - von der Abschaffung der Sklaverei über die Bürgerrechtsbewegung bis zu aktuellen Konflikten. Ein zweiter Grundpfeiler ist der Glaube. Religiöse Bewegungen, vor allem die christliche Rechte, beeinflussen die politische Debatte in den USA bis heute - vom Streit um Abtreibung bis zum Erstarken des christlichen Nationalismus. Hinzu kommt der American Dream: die Vorstellung, dass sozialer Aufstieg durch Leistung möglich ist. Doch der Mythos vom Selfmademan verdeckt eine Realität, in der nur wenige diesen Aufstieg tatsächlich schaffen. Schließlich prägt ein allgegenwärtiger Patriotismus das Land. Zwischen Stolz, Machtinteressen und globalem Sendungsbewusstsein bestimmen die USA ihre Rolle in der Welt immer wieder neu. Diese vier Kräfte sind widersprüchlich, oft konfliktreich - und wirken bis heute fort. Sie erklären, warum die USA faszinieren, polarisieren und herausfordern. Und sie führen zu einer zentralen Frage: America - who are you?
21:05
Die Unabhängigkeitserklärung von 1776, das Eintreten für Freiheit und Selbstbestimmung, gilt bis heute als Kern der amerikanischen Identität. Allerdings wurden die USA im Laufe ihrer Geschichte diesem Anspruch selbst nicht immer gerecht: Rassendiskriminierung, Ungleichheit, Bürgerrechtsbewegungen bis hin zu aktuellen Konflikten. Bei allem fasziniert der American Dream bis heute: Er verspricht jedem Menschen Wohlstand und Erfolg durch harte Arbeit, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status. Auch diese Idee reicht bis in die Gründungszeit der USA zurück. Mit der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Glaube an Erfolg und Aufstieg dann neue Formen an, etwa im Slogan "vom Tellerwäscher zum Millionär". Umso dramatischer war der Wirtschaftszusammenbruch 1929. Erst dem neugewählten Präsidenten Franklin D. Roosevelt gelang es, das Ruder mit seinem New Deal herumzureißen. Neu war die Orientierung auf die soziale Verantwortung des Staates. Der New Deal begründete aber auch den Konflikt zwischen den beiden großen Parteien um die Rolle des Staates. Während die Demokraten für einen fürsorglichen Staat stehen, betonen die Republikaner - in puritanischer Tradition - die individuelle Eigenverantwortung und kritisieren die Ausweitung staatlicher Macht. Dieser Konflikt spaltet die USA bis heute. Dabei ist Patriotismus nach wie vor von zentraler Bedeutung, ebenso wie das amerikanische Sendungsbewusstsein. Donald Trump hat mit der langen Tradition der USA als "leader of the free world" gebrochen. Er und seine "MAGA"-Bewegung stehen heute eher für einen neuen Isolationismus.
22:00
US-Präsident Donald Trump hat alle überrumpelt. Wirtschaftlich besteht seine Offensive in der zweiten Amtszeit in einer abrupten Anhebung der Zölle, die in erster Linie China, aber auch zahlreiche andere Handelspartner trifft. Der radikale Kurswechsel, vom Weißen Haus "Liberation Day" getauft, folgt einer einfachen Logik: Innenpolitisch sollen die Zölle die Reindustrialisierung antreiben, Arbeitsplätze erhalten und das Gefühl des sozialen Abstiegs in Teilen der Wählerschaft dämpfen. Diese Rückkehr zum Protektionismus geht mit Budgetkürzungen einher, vor allem für internationale Hilfsmaßnahmen. So wurden die Mittel der Behörde für Entwicklungshilfe USAID, lange eine tragende Säule der US-amerikanischen Soft Power, drastisch gekürzt - mit der Folge, dass weltweit Hunderte Hilfsprogramme gestoppt oder ausgesetzt wurden. Die Dokumentation beleuchtet die Auswirkungen dieser Einsparungen auf die Lage in der Demokratischen Republik Kongo, wo die amerikanischen Hilfen aufgrund der instabilen Sicherheitslage existenziell sind. Hinter Trumps radikalen Maßnahmen verbirgt sich der Kampf um kritische Rohstoffe: Seltene Erden, Kobalt, Lithium und Nickel sind für alle modernen Technologien, auch für militärische, unverzichtbar. Bei einigen von ihnen, etwa den Seltenen Erden, dominiert China die Förderung und Verarbeitung und verfügt damit über ein gewichtiges strategisches und wirtschaftliches Druckmittel gegenüber den Vereinigten Staaten. Um diese Abhängigkeit zu verringern, sucht Washington nach Alternativen. Angesichts des Machtzuwachses von China macht die Trump-Administration keinen Hehl mehr aus ihren imperialen Ambitionen und setzt sich über frühere Bündnisse hinweg.
22:55
Nur zweieinhalb Autostunden trennen Washington, D.C., von Piedmont in West Virginia - und doch liegen zwischen den beiden Orten kulturelle Welten: In der liberalen Hauptstadt sitzt der Schock über Donald Trumps zweite Amtszeit tief. Viele Behördenmitarbeiter fürchten um Job, Rechte und die Demokratie. Im "Coal Country" dagegen gilt Donald Trump als letzte Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung. Kohlezüge rumpeln zwar noch durch den Ort, Fabrikhallen stehen aber leer, Drogenprobleme erschüttern die Gemeinschaft. Und trotzdem gibt es hier eine enorme Resilienz. Die Dokumentation beobachtet beide Orte ein Jahr lang. Und schaut dabei, wie Trumps erneute Präsidentschaft in gegensätzlichen Realitäten ankommt. In Washington, D.C., setzt der Guerilla-Video-Künstler Robin Bell mit nächtlichen Projektionen Zeichen des Widerstands. Er wird zum Seismographen für die Freiheit der Meinungsäußerung. In Piedmont trifft das Kamerateam den Ex-Justizvollzugsbeamten und Pastor Dave Cowan: gläubig, pragmatisch, geprägt von Abstiegsangst - und voller Erwartungen, dass sich "endlich etwas ändert". Zwischen Bangen und Hoffnung, Protest und Loyalität, Machtzentrum und vergessenen Regionen entsteht ein Porträt der USA im Ausnahmezustand. Was passiert, wenn krude politische Versprechen auf den Alltag prallen - in einer Zeit innenpolitischer Eskalationen und außenpolitischer Tabubrüche? Gedreht nah an den Menschen und ergänzt durch Stimmen aus Geschichts- und Demokratieforschung sowie der christlich-konservativen Bewegung führt die Reise durch die ersten 365 Tage in Donald Trumps zweiter Amtszeit als US-Präsident - und lässt erahnen, was da noch alles kommt.
23:50
Aufgrund der anhaltenden Wohnungsnot in den USA sind viele Menschen gezwungen, in heruntergekommenen Hotels zu leben - sogenannten "Flophouses". Der zwölfjährige Mikal teilt sich eines dieser engen, günstigen Zimmer mit seinen alkoholabhängigen Eltern und ihrer Katze Smokey. Sein Alltag ist geprägt von Chaos, Alkoholmissbrauch und Unsicherheit, aber auch von Liebe, kleinen Momenten der Geborgenheit und der leisen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Mikals größter Wunsch ist, dass seine Eltern endlich mit dem Trinken aufhören. Die Regisseurin Monica Strømdahl begleitet Mikal über drei Jahre und eröffnet einen intimen Blick auf das Leben in diesen Hotels. Ihre Coming-of-Age-Dokumentation zeigt die Härten einer brüchigen Kindheit ebenso wie die Wärme, Nähe und Komplexität innerhalb dieser kleinen Familie. Zugleich beleuchtet die Doku die gesellschaftlichen Folgen wachsender Armut, sozialer Ungleichheit und des Kampfes um ein würdiges Zuhause. Gedreht in konsequent beobachtendem Stil, setzt die Dokumentation auf Authentizität. Lange, sorgfältig komponierte statische Einstellungen kontrastieren mit der rohen, teils verstörenden Realität des Familienalltags. Lichtverhältnisse, Bildausschnitt und Kameraposition spiegeln die unregelmäßigen Tagesabläufe wider - und lassen Tag und Nacht verschwimmen. "Mikal: Aufwachsen und nicht aufgeben" erzählt von einer fragilen Kindheit und sozialer Ungleichheit, aber auch von Hoffnung, Durchhaltevermögen und dem Traum von einem besseren Leben.