17:50
Sie türmen sich auf Märkten, verfeinern Menüs, duften in Parfüms und zählen zu den wichtigsten Exportgütern: Mandarinen prägen Marokko - und Marokko prägt sie. Ob in Oasen, modernen Plantagen oder Permakultur - dank fruchtbarer Böden, mildem Klima und regionaler Expertise punkten die kleinen Sonnen des Südens mit außergewöhnlichem Geschmack. Doch der Anbau ist oft ein fragiles Gefüge. Mit Liebe, Wissen und Mut entwickeln Menschen Sorten und ausgeklügelte Anbaumethoden, die dem Klimawandel trotzen und Früchte hervorbringen, die den Vorlieben der Verbraucher entsprechen. In der Oase Targua N'Touchka bewirtschaftet Brahim Ouirigue die Felder seiner Vorfahren mit traditionellen Mischkulturen. Dattelpalmen spenden Schatten, während bestimmte Begleitkulturen den Boden für die Obstbäume verbessern. Auf der Permakultur-Farm Slimane bei Marrakech erzeugt Aziz Nahas mit Mist geretteter Nutztiere und speziellen Pflanzen fruchtbare Böden. In der Steinwüste östlich von Marrakech wächst die kernlose Nadorcott-Mandarine auf der Bio-Plantage von Soumia Lomri. Die schmackhafte, weltweit geschätzte Sorte muss separat oder unter Netzen wachsen, um kernlos zu bleiben. Im Souss-Tal, Marokkos größtem Zitrusanbaugebiet, sinkt der Grundwasserspiegel. Großproduzent Tariq Kabbage reagiert mit Forschung und angepasster Bewässerungstechnik, und züchtet mit Tochter Saloua klimaresistente und dem Weltmarkt angepasste Sorten. Am Rande von Marrakech verwandelt Konditor Hicham Khabatta Mandarinen zu Desserts, Parfümeur Abderazzak Benchâabane nutzt ihre Schalen für betörende Düfte.
18:35
Der Bitterorangenbaum - in Frankreich "Bigaradier" genannt - stammt ursprünglich aus Asien, vor allem Indien und China. Über Handelsrouten und arabische Händler gelangte er ins Hinterland der Côte d'Azur. Dort nutzt man seine bittere Frucht für Marmeladen und Liköre. Berühmt ist er aber für seine duftenden Blüten, aus denen ab April das kostbare Neroli destilliert wird - eine der edelsten Essenzen der Parfümindustrie. Familie Pèneau bewirtschaftet ihren Orangenhain in neunter Generation. Die Blüten werden per Hand gepflückt, gesammelt und sortiert. Erst 1.000 Kilo ergeben einen Liter Neroliöl - in der kurzen Erntezeit hilft die ganze Familie mit. Ihre Ausbeute geht an das traditionsreiche "Nerolium" in Vallauris, eine über 120 Jahre alte Kooperative, in der mehr als 60 Familien ihre Ernte abliefern. Das Neroli von dort geht exklusiv an Chanel. Weil große Parfümhäuser wieder mehr auf lokale Zutaten setzen, erlebt der "Bigaradier" eine Renaissance. Eine Zeit lang schrumpften Anbauflächen, jetzt entstehen wieder neue Orangenparzellen. Jean-Noël Falcou bewirtschaftet sie biologisch - trotz der Bedrohung durch die invasive Ameise Tapinoma magnum, die die jungen Bäume angreift. Auch kulinarisch ist der Baum zurück: Der Patissier Charles-Elie Leyzour und seine Frau Leslie nutzen Orangenwasser in ihren Torten. In Le Bar-sur-Loup verarbeiten die Brüder Giorsetti die Schalen in ihrem Hauswein. Ihre Nachbarn entdeckten eine alte Kupfer-Destille - und wagen sich an die Herstellung von eigenem Orangenwasser.
19:20
Die auf vielen Sendern vorgenommene strikte Trennung von Politik- und Kulturnachrichten wird hier aufgehoben. Es werden Schnittpunkte aus beiden Bereichen präsentiert und Zusammenhänge dargestellt.
19:40
Katerina Neydenova war 2014 die beste Physik-Schülerin der Welt. Dank der Hilfe ihres Lehrers Teodosi Teodosiew gewann sie damals die Physik-Olympiade. Heute untersucht sie mit High-Tech-Elektronenmikroskopen Proteine, um künftig bakterielle Krankheiten bekämpfen zu können. Womöglich erhält Katerina eines Tages einen Nobelpreis für ihre Arbeit in Cambridge. Die Leidenschaft für Naturwissenschaften hatte einst Teodosi in ihr entfacht. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet und will bis zu seinem Tod weitermachen. Dafür baut er gerade eine alte verlassene Schule in einem Dorf im Balkan-Gebirge aus. "Ohne Internet können wir uns dort auf Physik-Aufgaben konzentrieren." Seinen Schülern gibt er Humor und Disziplin mit auf den Weg: "Ihr müsst euch 15 Stunden am Tag mit Physik beschäftigen, sonst besteht ihr nicht an den Elite-Unis gegen das Heer an Chinesen." Wenn er an die Konkurrenz aus Fernost denkt, kommt der 77-Jährige ins Schwärmen. Dort herrsche noch dieselbe Disziplin, die er aus seiner Jugend im kommunistisch geprägten Bulgarien kenne. Bildung wurde damals - analog zur Sowjetunion - zentral organisiert und den Naturwissenschaften hohe Bedeutung beigemessen. Dagegen sei Bulgariens Bildungssystem heute unterfinanziert, die Jugend abgelenkt durch soziale Medien und unkonzentriert durch die damit einhergehende kurze Aufmerksamkeitsspanne. "Ich kämpfe als einer der Letzten gegen diesen fatalen Trend an", erklärt Teododsi.
20:15
Schon im 17. Jahrhundert legte der niederländische Kolonialismus den Grundstein für einen lukrativen Drogenhandel. Opium aus Indonesien finanzierte den Aufstieg des Handelsimperiums, später folgte auf Java der Anbau von Kokapflanzen - die Basis für Amsterdams frühe Kokainproduktion. Selbst als internationale Verbote im Ersten Weltkrieg den Handel offiziell beendeten, überlebte das System im Untergrund. In der Zwischenkriegszeit entstand so ein illegaler Markt, der bis heute nachwirkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien der Drogenhandel zunächst Geschichte. Doch die 1960er Jahre brachten einen radikalen Wandel: Mit der Gegenkultur stieg die Nachfrage nach Haschisch aus Marokko und Heroin vom indischen Subkontinent. Die Niederlande reagierten mit einer einzigartigen Strategie - der Trennung von sogenannten harten und weichen Drogen. Coffeeshops sollten den Konsum regulieren, doch gleichzeitig festigten sich kriminelle Strukturen. Figuren wie Klaas Bruinsma, der "niederländische Al Capone", stiegen zu mächtigen Drogenbaronen auf. In den 1990ern wurde das Land zum Epizentrum der synthetischen Drogen: Ecstasy-Pillen fluteten Europa, die Gewinne flossen in Immobilien und in die Realwirtschaft. Als die alte Unterwelt-Generation verschwand, übernahmen junge Kriminelle aus den Arbeitervierteln - ihr Fokus lag auf Kokain, der neuen Profitdroge. Die Dokumentation zeigt, wie aus kolonialen Handelswegen ein modernes Netzwerk entstand, das bis heute Europas Drogenmarkt prägt.
21:05
Der zweite Teil der Dokumentation beginnt in den 2000er Jahren in Europa und verfolgt den Aufstieg von in den Niederlanden eingewanderten Schwerverbrechern, darunter Gwenette Martha oder Ridouan Taghi, die zu den Hauptansprechpartnern für südamerikanische Kokain-Händler werden. Um ihre Interessen zu verteidigen, schreckt ihre Organisation vor beispielloser Gewalt nicht zurück. Morde an Anwälten und Journalisten, Vergeltungsakte mit Kriegswaffen sowie Drohungen gegen die Königsfamilie erschüttern das Land. Überlebende Drogenhändler verschlägt es nach Dubai, das Handelsparadies des Nahen Ostens, von wo aus sie ihre Geschäfte über verschlüsselte Kommunikationsplattformen weiterführen. Als es den Polizeibehörden um die Jahreswende 2020 gelingt, die Plattformen zu knacken, glaubt man den Heiligen Graal gefunden zu haben: Es folgen Tausende Verhaftungen von Drogendealern, Rekord-Beschlagnahmungen von Waffen, Bargeld und Drogen sowie die Identifizierung unzähliger Handlanger, die im Verborgenen Geldwäsche betrieben haben. Doch die kriminellen Banden reorganisieren sich in Windeseile - und werden noch agiler und mobiler als vorher. Ein weiterer Beweis für die Widerstands- und Beschaffungsfähigkeit der Verbrecher ist der nahezu stabile Preis für ein Gramm Kokain. Mitte der 2020er Jahre sind sich Richter, Polizeikräfte und europäische Zollbeamte in einem Punkt einig: Der Drogenhandel ist die größte Bedrohung für die innere Sicherheit Europas.
22:10
Präsident Nicolás Maduro regiert Venezuela seit elf Jahren mit harter Hand. Trotz blutiger Unruhen, Mordanschlägen, Staatsstreichen und Wirtschaftssanktionen der USA hält er an der Macht fest. Unter seiner Führung stürzte das einst stabile und prosperierende Land in die schlimmste humanitäre Krise seiner Geschichte. Jahrelang galt Maduro im Westen als Paria, doch seit dem Krieg in der Ukraine ist er wieder salonfähig, denn die Welt braucht dringend venezolanisches Öl, so dass sich selbst seine erbittertsten Gegner dazu gezwungen sehen, wieder das Gespräch mit dem Machthaber zu suchen.
23:05
Ecuador zählte früher zu den friedlichsten Ländern Lateinamerikas, ist allerdings in wenigen Monaten in Gewalt und Chaos versunken. Drogenkartelle und Straßengangs haben ganze Städte unter ihre Kontrolle gebracht, die Mordrate ist explodiert. Die Regierung reagiert mit einer Politik der "eisernen Faust": Soldaten patrouillieren auf den Straßen, um das organisierte Verbrechen mit aller Macht zu zerschlagen. Doch zu welchem Preis? Es ist ein erschütterndes Porträt eines Landes im Ausnahmezustand. Im Mittelpunkt stehen drei Menschen, deren Leben untrennbar mit der Gewalt verwoben sind: Pater Maeso, der in den ärmsten Vierteln Esmeraldas arbeitet, dokumentiert mutig Menschenrechtsverletzungen und glaubt, dass Gewalt nicht mit Gewalt besiegt werden kann. Gouverneur Javier Buitrón verkörpert den kompromisslosen Kampf des Staates gegen die Kartelle - überzeugt, dass nur militärische Stärke Ordnung schaffen kann. Und Ronny, ein Vater, dessen Sohn von Soldaten getötet wurde, sucht verzweifelt nach Gerechtigkeit in einem System, das die Wahrheit lieber begräbt. Mettelsiefens Dokumentation legt die moralischen Bruchlinien eines Landes offen, das mit sich selbst im Krieg steht - und stellt die drängende Frage unserer Zeit: Wie weit darf ein Staat im Kampf gegen das Böse gehen, bevor er selbst zu dem wird, was er bekämpft?
01:30
Ebola, Zika, Hühnergrippe, Schweinegrippe, Borreliose, Affenpocken - im Schnitt alle vier Jahre bildet sich irgendwo auf der Welt eine neue Infektionskrankheit heraus. Drei Viertel dieser Krankheiten werden von Tieren übertragen. Spitzenwissenschaftler aller Länder arbeiten daran, potenziell gefährliche Viren und Bakterien einerseits zu identifizieren und andererseits ihre Ausbreitung zu beobachten, um die nächste Pandemie rechtzeitig einzudämmen. Die Forscher läuten die Alarmglocke, denn Studien belegen, dass der Mensch selbst für die Verbreitung neuer, tödlicher Krankheiten verantwortlich ist. Seine Aktivitäten verändern ganze Ökosysteme, und durch die weltweite Vernetzung werden Krankheiten, die sonst nur in abgelegenen Gegenden vorkommen, in die ganze Welt getragen. Durch die Rodung und Urbarmachung von Waldgebieten, die Flächenversiegelung des natürlichen Lebensraums Tausender Tierarten, den Bau von Straßen durch den Regenwald, den Verzehr von Wildfleisch und den Bergbau zur Gewinnung von Edelmetallen und -steinen vermehren sich die Interaktionen zwischen Mensch und lokaler Fauna. Dadurch werden Krankheiten übertragen, die den Menschen sonst vermutlich nie erreicht hätten. Durch die Ausrottung von Tierarten sowie die Produktion und den Verzehr riesiger Mengen an Tierfleisch zerstört der Mensch die Artenvielfalt, die ihn vor manchen Krankheiten schützen könnte. Prognosen zufolge werden Ende des Jahrhunderts etwa zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die anthropogenen Umweltveränderungen lassen eine Ära der Pandemien erahnen. Dabei sehen die Wissenschaftler eine Lösung: Die Artenvielfalt bewahren und das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Gesundheit von Mensch, Tierwelt und Natur untrennbar miteinander verbunden sind.
03:10
Das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems ist nur über eine einzige Brücke erreichbar. Sie liegt abgeschieden in der Ostsee - eine Lage, die für das Institut von herausragender Bedeutung ist. Denn hier lagern gefährliche Viren: Ebola, Tollwut, Schweinepest, Krim-Kongo-Fieber oder Sars-CoV-2. Die Einrichtung ist eines von nur drei Laboren auf der ganzen Welt - und das einzige in Europa -, in dem unter Hochsicherheitsbedingungen gefährliche Tierseuchen an lebenden Großtieren wie Rindern oder Schweinen erforscht werden können. Die Forschenden arbeiten daran, die Ausbreitungswege dieser neuen Erreger zu verstehen und Impfstoffe zu entwickeln. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Viren sind längst globale Player geworden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Seucheninsel Riems setzen alles daran, schneller zu sein als sie. Die Afrikanische Schweinepest (ASP), die aus Osteuropa auf dem Vormarsch ist, hat Frankreich noch nicht erreicht. In Deutschland aber wurden im Herbst 2020 erstmals an ASP verendete Wildschweine gefunden. Um jeden Preis muss verhindert werden, dass die Seuche sich weiter ausbreitet. In Deutschland grassiert sie bisher nur unter Wildschweinen; doch die Gefahr ist groß, dass das Virus auch in Schweinemastbetriebe getragen wird. Für Deutschland wäre ein Ausbruch eine wirtschaftliche Katastrophe, denn das Land ist der drittgrößte Schweinefleischproduzent der Welt. Ein vielversprechender möglicher Impfstoff wird in Riems getestet. Wird er die Lösung bringen?
04:00
Die Sintflut ist der weltweit am weitesten verbreitete Ursprungsmythos der Menschheit. Sie teilt die Zeit in ein Davor und ein Danach. Seit der Antike versuchen Menschen, reale Spuren dieses Mythos auf der Erde zu finden. Lässt sich die Sintflut datieren?
04:30
04:35
Eine Bahn fährt mitten durch ein Wohnhaus, schwindelerregende Wolkenkratzer leuchten in grellen Neonfarben: Das ist Chongqing, die chinesische Millionen-Metropole im Cyberpunk-Stil, oftmals bezeichnet als die größte Stadt der Welt. Wie Peking oder Shanghai ist sie ein Abbild der chinesischen Macht. Der Fotojournalist Alessandro Gandolfi gewährt einen Blick hinter die Kulissen der beeindruckenden Skyline, während der Geograf Michel Lussault erläutert, wie diese Megastädte zu Instrumenten von Einfluss und Kontrolle wurden.
04:45
Die Wunderlampe.