17:50
Nach sechs Stunden im Gezeitenbecken sind viele der eingeschlossenen Tiere erschöpft. Die Temperatur ist weiter gestiegen und der Sauerstoffgehalt ist bedrohlich gesunken. Überall lauern Fressfeinde, sowohl im Wasser als auch in der Luft. Wer jetzt noch überleben will, muss erfinderisch sein. Für die hier heimischen Lebewesen bedeutet das, Jagd, Paarung und Fortpflanzung an den Rhythmus der Gezeiten anzupassen. Während sich das Strandkrabbenweibchen häutet, unternimmt das Männchen einen Annäherungsversuch - doch der Krake lauert bereits. Seepocken können sich nicht fortbewegen und hätten es bei der Partnersuche schwer, wenn sie nicht über den längsten Penis im Tierreich verfügen würden. Die Natur passt sich auf vielfältige Weise an. Über der Wasseroberfläche haben mehr als 700 Algenarten verschiedene evolutionäre Strategien entwickelt, um die knappen Ressourcen untereinander aufzuteilen. Unter Wasser betreibt die grüne Samtschnecke Kleptoplastie: Sie lagert Chloroplasten von Algen ein und kann so Fotosynthese betreiben. Mit Einbruch der Nacht ändert sich die Lage erneut und es werden andere Tierarten aktiv. Der Countdown hat begonnen ...
18:35
Hohe Berge erheben sich majestätisch und fangen die feuchtwarme Luft ab, die vom Pazifik aufsteigt. Dichte Nebelschwaden ziehen über die steilen Hänge und speisen unzählige Fließgewässer, die die Landschaft prägen. Diese Wasserläufe machen den Nationalpark Baishanzu zu einem wahren Naturparadies. Das Schutzgebiet ist Lebensraum für eine Vielzahl endemischer und bedrohter Tiere. Dazu gehören verschiedene Molcharten, das Ohrenschuppentier - ein wichtiger Regulator von Ameisen- und Termitenpopulationen -, der Chinesische Riesensalamander, die Großkopfschildkröte sowie Makaken. Darüber hinaus dient das bergige Reservat zahlreichen Zugvögeln als Rastplatz, darunter Schwarzschnabelstörchen, Schneekranichen, Seidenreihern sowie dem seltenen Schwarzstirnlöffler. Auch Silberfasane mit ihrem herrlich gezeichneten Gefieder sind hier anzutreffen. Aufgrund der über 600 Pilzarten, von denen mehr als 300 essbar sind oder Heilzwecken dienen, wurde die Provinz Zhejiang zum "global wichtigen System des landwirtschaftlichen Kulturerbes" erklärt.
19:20
"ARTE Journal", das europäische Nachrichtenmagazin, wirft einen aktuellen, weltoffenen und europäischen Blick auf Politik und Kultur.
19:35
Deutschland erlebt einen historischen Bruch: In Sachsen-Anhalt hat die AfD die Landtagswahl gewonnen. Die rechtsextreme Partei fordert u. a. das Ende der Fördermittel für das Holocaust-Gedenken, die Abschiebung von sich illegal in Deutschland aufhaltenden Menschen und eine Annäherung an Russland. Den Sieg errang Ulrich Siegmund. Sein Markenzeichen: ein Motorroller der Marke Simson.
19:40
Mehr als 2.000 Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien, Irak, Iran und anderen Ländern harren derzeit monatelang in Pfarrwohnungen und Küsterbüros der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland aus - im sogenannten Kirchenasyl. Es ist oft das letzte Mittel vor einer drohenden Abschiebung.
20:15
Aktuell leben rund acht Milliarden Menschen auf der Erde, fast eine Milliarde davon in Küstenregionen, die bereits vom Klimawandel betroffen sind. Jakarta ist eines der eindrücklichsten Beispiele: Jedes Jahr setzt der Monsun weite Teile der Stadt unter Wasser. Gleichzeitig sinkt die Metropole stetig ab, während der Meeresspiegel unaufhaltsam steigt. Warum haben die Warnungen der Wissenschaft nicht schon viel früher zu einem entschlossenen Handeln geführt? Bereits im 19. Jahrhundert erkannten Forscherinnen und Forscher, dass die Industrialisierung die Atmosphäre verändern und die Temperaturen deutlich ansteigen lassen könnte. Mitte des 20. Jahrhunderts mehrten sich die Stimmen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die vor unabsehbaren Umweltfolgen durch die Nutzung fossiler Energieträger warnten. Die Studie "Die Grenzen des Wachstums" und die Stockholmer Umweltkonferenz markierten den Beginn eines internationalen Problembewusstseins. Die erste Ölkrise führte jedoch dazu, dass die westlichen Industriestaaten verstärkt auf Kohle setzten und Umweltfragen erneut in den Hintergrund rückten. Wissenschaftlerinnen und Umweltaktivisten versuchten daraufhin, die US-Regierung unter Jimmy Carter zum Handeln zu bewegen. Der Klimawandel wurde zu einem globalen politischen Thema, auch wenn die konkreten Maßnahmen weit hinter den wissenschaftlichen Erkenntnissen zurückblieben. Für Klimaforscher und -forscherinnen stand damals jedoch schon fest: Die Folgen des politischen Nichtstuns werden sich früher oder später bemerkbar machen.
21:00
Ende der 1970er Jahre gab US-Präsident Jimmy Carter bei führenden Klimaforschern eine Untersuchung zu den Risiken der globalen Erwärmung in Auftrag - trotz des von ihm begonnenen massiven Ausbaus der Kohleförderung. Ziel war es, die Abhängigkeit der USA von importiertem Erdöl zu verringern. Unter Leitung des Meteorologen Jule Charney kam eine Expertenkommission zu dem Ergebnis, dass eine Verdopplung des CO2-Gehalts der Atmosphäre im Laufe des 21. Jahrhunderts zu einer Erderwärmung um etwa drei Grad Celsius führen würde. Die Wahl Ronald Reagans führte zu einem politischen Kurswechsel: Umweltauflagen wurden zurückgenommen, obwohl ein neuer Bericht der US-Akademie der Wissenschaften zahlreiche Warnungen enthielt. Statt auf eine sofortige Reduzierung der Emissionen sollte auf künftige technologische Fortschritte gesetzt werden. Der Ökonom William Nordhaus entwickelte sogar Kosten-Nutzen-Modelle, die eine Erwärmung um drei Grad als wirtschaftlich "optimal" darstellten, während dem renommierten Klimaforscher James Hansen gleichzeitig die finanziellen Mittel gekürzt wurden. Mitte der 1980er Jahre gelang es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, mit Hilfe von Eisbohrkernen einen einzigartigen Blick auf die Klimageschichte der vergangenen 150.000 Jahre zu werfen. Sie konnten dadurch eindeutig belegen, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre seit Beginn der Industrialisierung in bislang unbekanntem Ausmaß gestiegen war. 1988 erklärte James Hansen schließlich vor dem US-Kongress, dass der Klimawandel bereits begonnen habe. Seine Aussage markierte einen Wendepunkt.
21:45
Die Global Climate Coalition finanzierte tendenziöse Studien, unterstützte klimaskeptische Experten, stellte die Forschungsergebnisse des Weltklimarats infrage und betrieb intensive Lobbyarbeit, um klimapolitische Entscheidungen möglichst lange hinauszuzögern. Gleichzeitig nahm die Globalisierung rasant an Fahrt auf. Zwischen 1990 und 2010 nahm der weltweite Schiffsverkehr stark zu, Produktionsstandorte wurden nach Asien verlagert und multinationale Unternehmen etablierten globale Lieferketten, die auf reichlich verfügbarer und kostengünstiger fossiler Energie beruhten. Trotz immer eindringlicherer Warnungen von Forscherinnen und Forschern blieb das Wirtschaftswachstum oberstes politisches Ziel. Anfang der 2000er Jahre versuchte der Klimaforscher James Hansen erneut, Regierungen von der Dringlichkeit des Problems zu überzeugen. Er kritisierte Politiker, die nur jene wissenschaftlichen Erkenntnisse akzeptierten, die ihren Interessen entsprachen und warnte davor, dass diese Form der Verdrängung in eine ökologische Katastrophe führen werde. Obwohl sich die Global Climate Coalition schließlich auflöste, wurde ihre Strategie von marktradikalen Thinktanks fortgeführt. Inzwischen hat die globale Erwärmung bereits 1,5 Grad Celsius erreicht - und vielerorts tritt die Anpassung an den Klimawandel zunehmend an die Stelle seiner Bekämpfung. In Bangkok, New York, Japan und Jakarta werden Milliarden in Projekte zum Schutz vor dem steigenden Meeresspiegel investiert.
22:30
Viele Jahre galt der Irak als Brandherd im Nahen Osten: 2003 wurde Langzeit-Diktator Saddam Hussein durch eine US-geführte Koalition gestürzt, später folgte ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und der Aufstieg des IS, der erst 2017 besiegt werden konnte. Seither wirkt der Irak nach außen stabil, in einer vom Nahostkonflikt erschütterten Region: Es gibt Wahlen, und ein Proporzsystem sichert Minderheiten politische Teilhabe. Hinter dieser scheinbaren Stabilität eskaliert jedoch derzeit eine schwere Gesundheitskrise. Der Klimawandel trifft den Irak besonders hart. Der Wassermangel wird durch eine marode Infrastruktur, Wasserverschmutzung und eine grassierende Korruption noch verschärft. Die Folge: eine Epidemie von Nierenerkrankungen. Bei einer Armutsquote von fast 25% sehen viele Iraker nur den Ausweg, ihre Niere auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Über soziale Medien werden Preise, Käufer und OP-Orte offen vermittelt, ohne behördliche Kontrolle. Die alleinerziehende Mutter Um Yousef hat ihre Niere verkauft, um damit die Therapie ihres autistischen Sohnes zu bezahlen - nun ist sie selbst schwer krank. Der junge Iraker Hussein sucht nach einem vertrauenswürdigen Käufer für seine Niere. Mit dem Geld will er das im Irak übliche Bestechungsgeld zahlen, um einen Job in einer Behörde zu bekommen und dann endlich eine Familie zu gründen. Expertinnen und Experten analysieren, wie Jahrzehnte von Konflikten, Umweltzerstörung, Wasserknappheit und ein überlastetes Gesundheitssystem zu dieser Katastrophe geführt haben - und wie schwer politische Lösungen sind.
23:30
Vor 60 Jahren wurde auf den Kanarischen Inseln die erste Meerwasserentsalzungsanlage auf europäischem Gebiet in Betrieb genommen. Heute gibt es hier bezogen auf Fläche und Einwohnerzahl weltweit die meisten solcher Anlagen. Das so gewonnene Süßwasser ist für menschliches Leben auf den Vulkaninseln unverzichtbar, begünstigt aber - da scheinbar im Überfluss vorhanden - auch eine ungezügelte Wirtschaftsentwicklung; etwa den Massentourismus oder die intensive Monokultur von Bananen für den Export. Zudem ist Meerwasserentsalzung alles andere als klimaneutral: Die Anlagen verschlingen Unmengen von Strom aus fossilen Quellen; die ins Meer zurückgeleitete Sole vernichtet marines Leben und trägt zur Ozeanversauerung bei. "Die Kanaren - Inseln am Tropf" beleuchtet erstmals die Abhängigkeit dieser Region von entsalztem Meerwasser. Ferner erklärt die Dokumentation, wie Wasserentsalzung funktioniert und welche Auswirkungen zu berücksichtigen sind. Im Bewusstsein des dringenden Gebots, die Natur, die eigene Gesundheit und die Zukunft der Kinder zu schützen, engagiert sich die kanarische Bevölkerung gemeinsam mit Wissenschaftlern für Alternativlösungen einer nachhaltigen Wasserwirtschaft. Die Kanarischen Inseln sind dank jahrzehntelanger Erfahrung heute führend auf dem Gebiet der Meerwasserentsalzung, ihre technische Expertise ist weltweit gefragt. Angesichts immer häufigerer Dürren im Zuge des Klimawandels wird die Gewinnung von Trinkwasser durch diese Technologie für immer mehr Menschen zur überlebenswichtigen Notwendigkeit.