19:40
Für Bashar Qaryuti ist jeder Krankentransport ein Risiko. Straßensperren zwingen den palästinensischen Rettungssanitäter zu Umwegen, sein Wagen wurde mehrfach von israelischen Siedlern angegriffen, sein Kollege wurde bei einem Einsatz erschossen. Der 43-Jährige dokumentiert die Übergriffe und spricht mit Opfern von Siedlergewalt, wie der Familie Tubasi aus Jalud. Nach wochenlanger Belagerung durch Siedler musste sie aus ihren Häusern fliehen. Bis Ende August 2026 registrierten die Vereinten Nationen mehr als 1.600 Angriffe israelischer Siedler auf Palästinenser im Westjordanland, mehr als 2.300 Palästinenser wurden vertrieben. Vor allem für radikal-religiöse, nationalistische Siedler wie Ilana und Yehuda Shimon ist das Westjordanland Teil des biblischen Landes Israel. Das tiefreligiöse Ehepaar lebt in Havat Gilad, einst ein illegaler Außenposten, den die israelische Regierung nach eigenen Angaben 2018 legalisierte. Seit 2022 wurden insgesamt mehr als 100 neue Siedlungen oder bereits bestehende Außenposten nachträglich genehmigt oder legalisiert. Und die israelische Regierung plant den Bau weiterer Siedlungskomplexe. Siedlergewalt sei vor allem Notwehr, so sieht es Nethanel von Boxberg. Der gebürtige Deutsche lebt in der Siedlung Neve Daniel in der Nähe von Jerusalem, für ihn ein Ort wie jeder andere in Israel. Zum Einkaufen allerdings nimmt er oft eine Pistole mit, um sich im Notfall verteidigen zu können. Während sich die Israelis im Westjordanland - auch mit Gewalt - weiter ausbreiten, fühlen sich Palästinenser wie Bashar Qaryuti zunehmend eingekesselt.
20:15
"Israel - Welches Land wollen wir?" dokumentiert in Israel über mehr als drei Jahre die Geschichte der Protestbewegung gegen die Regierung von Benjamin Netanjahu. Die Demonstranten und Demonstrantinnen wenden sich vor allem gegen die umstrittene Justizreform der Regierung, die zum Brennglas für eine größere Kontroverse über die Zukunft des Landes wird. Die Justizreform löste die größte und längste Welle pro-demokratischer Proteste in der Geschichte Israels aus, die jedoch durch den Angriff der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 abrupt beendet wurden. Was folgt, ist ein Krieg von beispielloser Dauer und gesellschaftlicher Tragweite, in dem die Demonstranten hin- und hergerissen sind zwischen der Notwendigkeit, Israel vor äußeren Feinden zu verteidigen, und dem Protest gegen die eigene Regierung. Sie werfen der Regierung vor, den Krieg als Vorwand zu nutzen, um demokratische Institutionen zu schwächen. Der Film begleitet ein Dutzend prominente Persönlichkeiten der israelischen Protestbewegung: einzelne Demonstranten genau wie die Organisatoren des Protestes. "Israel - Welches Land wollen wir?" zeigt ihre Hoffnungen, ihren Schmerz, ihre Dilemmata und den persönlichen Preis, den sie zahlen, um die Zukunft ihres Landes mitbestimmen zu können. Der Dokumentarfilm zeigt zudem die Mechanismen auf, die rechtspopulistische Regierungen anwenden, und ist zugleich eine Warnung: dass jede Demokratie fragil ist und niemals als selbstverständlich angesehen werden darf. Nicht zuletzt wird Israels Zivilgesellschaft porträtiert und von der Macht erzählt, die Bürger haben, wenn sie ihre Stimme erheben.
21:55
Der Kibbuz Nir Oz steht symbolhaft für das tragische Scheitern einer Idee. Am 7. Oktober 2023 wurde die Gemeinschaft nahe der Grenze zum Gazastreifen von den Hamas-Angriffen schwer getroffen: Fast ein Viertel der Bewohner wurde ermordet, entführt oder vertrieben. Unter den Opfern war auch Chaïm Peri, einer der Gründer des Kibbuz. Der ehemalige Fallschirmjäger, der sich später als Künstler, Filmemacher und Friedensaktivist engagierte, starb Monate nach seiner Verschleppung in Geiselhaft. Peri und seine Mitstreiter hatten über vier Jahrzehnte hinweg das Leben in Nir Oz und der umkämpften Grenzregion dokumentiert. Ihr Archivmaterial, kombiniert mit den Erzählungen der Überlebenden, zeichnet das Bild einer Gemeinschaft, die zwischen Idealismus und Realität zerrieben wurde. Nir Oz war einst ein Symbol des sozialistisch-zionistischen Traums - ein Ort, an dem kollektives Leben und der Glaube an eine bessere Zukunft im Mittelpunkt standen. Doch die Hoffnung auf Frieden und Sicherheit erwies sich als trügerisch. Chaïm Peri verkörperte diesen Widerspruch wie kaum ein anderer. Als Soldat hatte er in allen großen Kriegen Israels gekämpft, doch später wurde er zu einer der prägenden Stimmen der Friedensbewegung "Peace Now". Unermüdlich kritisierte er die Besatzung der palästinensischen Gebiete, ohne dabei seine Verbundenheit zum Kibbuz oder zum Staat Israel infrage zu stellen. Für ihn war klar: Sicherheit kann es nur mit Frieden geben - eine Überzeugung, die in der zunehmend militarisierten und polarisierten israelischen Gesellschaft immer weniger Gehör fand. Der Dokumentarfilm erzählt nicht nur die Geschichte dieses Ortes, sondern wirft grundlegende Fragen auf: Was bedeutet das Scheitern von Nir Oz für das Selbstverständnis Israels - und für die Zukunft zweier Völker, die seit Jahrzehnten um dasselbe Land kämpfen?
22:55
An der Südspitze der arabischen Halbinsel, zwischen Indischem Ozean und Rotem Meer, liegt der Jemen an einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Rund 30 Prozent des globalen Containerverkehrs passierten einst seine Küsten - bis eine pro-iranische Miliz westliche, insbesondere israelische Schiffe angriff. Doch dieser Vorfall ist nur das jüngste Kapitel einer Tragödie, die seit einem Jahrzehnt andauert: Der Jemen ist zum Schauplatz eines erbitterten Machtkampfs geworden, in dem lokale Milizen und regionale Mächte um die Vorherrschaft ringen. Im Zentrum steht die Kontrolle über die Meerenge Bab al-Mandab, den entscheidenden Zugang zum Suezkanal. Im Norden des Landes halten die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen die Berge besetzt - und stehen damit im Visier Israels. Im Süden dominiert eine von Golfmonarchien geführte Koalition die Küstenregionen. In den Wüstengebieten im Osten operieren dschihadistische Gruppen wie Al-Qaida. Der Jemen zerfällt in immer kleinere Machtbereiche - eine politische und militärische Zersplitterung, die sich stetig verschärft. Seit über zehn Jahren dokumentieren die Filmemacher Miyuki Droz Aramaki und Sylvain Lepetit diese verflochtenen Konflikte, die in der Berichterstattung nur selten vorkommen. Anfang 2026 gelang ihnen der Zugang nach Aden, der größten Hafenstadt des Südjemen. Auch anhand der Stimmen von Kulturschaffenden zeigen sie ein Land, das weit mehr ist als das Klischee von Kämpfern mit Kalaschnikows und Kat-Konsum: Der Dichter Amr Al-Eryani harrt in den Ruinen Adens aus, der Maler Murad Subay setzt sich wie die Aktivistinnen Nadwa Dawsari und Shireen Al-Adeimi für Frieden ein. Die Dokumentation enthüllt die kulturelle Vielfalt des Landes und entlarvt zugleich die Mechanismen einer humanitären und geopolitischen Katastrophe. Dazu gehören Propagandabilder der Milizen, die hilflosen Versuche einer kaum existenten Nationalmarine und die militärischen Interventionen der USA, Israels, Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Mit präzisen Analysen zeichnet die Dokumentation die komplexen Strukturen eines Konflikts nach, der längst nicht mehr nur ein Bürgerkrieg ist, sondern ein Stellvertreterkrieg von globaler Dimension.
23:55
Viele Israelis blicken mit Sorge auf die nationalreligiösen und rechtsextremen Strömungen in der Politik. Erstmals kommt es zu einer Allianz zwischen den Nachfolgern von Rabbi Abraham Isaac Kook, die die Wiedererrichtung des biblischen Großisrael fordern, und den Erben des Rassisten Meir Kahane. Zwei Männer verkörpern diese Allianz: Itamar Ben-Gvir, Minister für Nationale Sicherheit, und Finanzminister Bezalel Smotrich, der auch für den Siedlungsausbau zuständig ist. Sie verfolgen eine gemeinsame ideologische Agenda: die Annexion der besetzten Gebiete. Die Dokumentation porträtiert die beiden Politiker und berichtet zugleich vom Widerstand jener Israelis, die das Ende der Demokratie in ihrem Staat befürchten. Für das Land, den Nahen Osten und die Welt steht viel auf dem Spiel. Denn es geht nicht nur um sicherheitspolitische und moralische Fragen einer möglichen Annexion der besetzten Gebiete: Die radikale Politik der aktuellen israelischen Regierung läuft Gefahr, die geopolitischen Allianzen, die Israel seit Staatsgründung im Jahr 1948 eingegangen ist, grundlegend zu verändern. Die Dokumentation wurde im Sommer 2023 in Israel und den israelisch besetzten Gebieten gedreht.