18:10
"Mit offenen Karten" führt diesmal nach Shanghai. Im Lauf der Jahre hat sich die chinesische Millionenstadt zum Aushängeschild der Volksrepublik entwickelt, die unter Xi Jinping zur obersten Weltmacht aufsteigen soll. Als einer der wichtigsten Häfen der Welt ist Shanghai ein zentraler Knotenpunkt für Handel und Logistik. Doch genau diese strategische Infrastruktur ist zunehmend bedroht: Taifune, Sturmfluten und extreme Wetterereignisse führen regelmäßig zu Massenevakuierungen, lähmen den Hafenbetrieb und legen das öffentliche Leben lahm. Die Megacity steht damit exemplarisch für die Verwundbarkeit moderner Metropolen und für die Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt.
18:25
In Israel verstärken Reservisten die Reihen einer Armee, in der ab dem 18. Lebensjahr Wehrpflicht besteht. Von der internationalen Öffentlichkeit an den Pranger gestellt und von UN-Ermittlern der Kriegsverbrechen beschuldigt, soll die Armee laut einem hochrangigen israelischen Vertreter mehr als 70.000 Palästinenser im Gazastreifen getötet haben. Was passiert mit diesen jungen Wehrpflichtigen, wenn sie ihre Uniform wieder ausziehen dürfen? Nach Angaben des Verteidigungsministeriums leiden offiziell etwa 10.000 von ihnen unter posttraumatischem Stress. Um ihre seelischen Wunden zu heilen und Abstand vom Krieg zu gewinnen, reisen viele Reservisten auf der sogenannten "Hummus-Route" durch Indien. Mit Hilfe von Alkohol, Drogen, Yoga und Meditation versuchen sie, ihre Kriegsdämonen zu vertreiben. Fast ein Jahr lang brauchte Antoine Védeilhé, um diese Soldaten, die ins zivile Leben zurückgekehrt sind, davon zu überzeugen, vor seiner Kamera über ihre Geschichten und ihren Schmerz zu reden. In Begleitung des Fotojournalisten Yonathan Weitzman (World Press Photo Award 2008) sammelte er die raren Erfahrungsberichte junger Männer, die monatelang im Gazastreifen kämpften. Ein Fallschirmjäger berichtet sowie ein religiöser Zionist, dem ein Hamas-Scharfschütze die Schulter zerschoss, und ein Elitesoldat ... An den Stränden Südindiens und in den Vororten Jerusalems erzählen sie, wie der Krieg sie innerlich zerstörte - Reue aber zeigen sie nicht.
19:20
"ARTE Journal", das europäische Nachrichtenmagazin, wirft einen aktuellen, weltoffenen und europäischen Blick auf Politik und Kultur.
19:40
Auf Social Media sind brasilianische Favelas zum Sehnsuchtsort geworden: Videos von Partys und Barbershops dominieren die Feeds. Auch Outfits und Bikinis in Gelb und Grün sind schwer angesagt. Die Nationalfarben Brasiliens erfuhren unter Ex-Präsident Jair Bolsonaro eine Umdeutung, sie wurden zum Symbol des Rechtspopulismus. Der Modedesigner Abacaxi kämpft gegen diese Vereinnahmung. Mit seinem Label trägt er den Style der Favelas mit Stolz in die Welt: "Für mich steht 'Brazilcore' für die Freude und den Mut, zu zeigen, wer wir sind und woher wir kommen." Doch in den Favelas herrscht nicht nur Lebensfreude. Der Alltag ist geprägt von Gewalt, von kriminellen Banden und der Polizei. Im Oktober 2025 kam es in Rio de Janeiro zur tödlichsten Polizeirazzia in der brasilianischen Geschichte. Mehr als 110 Menschen wurden getötet. Den Schusswechseln fallen immer wieder Unschuldige zum Opfer, auch abseits großer Einsätze. Wie die 24-jährige Kathlen Romeu: 2021 wurde die angehende Mutter von einer Polizeikugel getroffen. Bis heute kämpfen ihre Eltern für Gerechtigkeit. Über 300 indigene Völker gibt es noch in Brasilien - ihre Vorfahren haben den Kolonialismus und die Versklavung durch die Portugiesen überlebt. Seit Jahrtausenden leben sie nach der Prämisse, eins mit der Natur zu sein und dem Land nicht mehr Ressourcen zu entnehmen, als sie zum Überleben brauchen. Damit sind die Indigenen der Agrar- und Bergbauindustrie ein Dorn im Auge. Die Fotografin Natália Tupi hält ihre Kämpfe fest. Für "Tracks East" trifft sie die einflussreiche Aktivistin Txai Suruí und besucht ein Schamanen-Fest der Guaraní-Gemeinschaft.
20:15
Die Errichtung des kolossalen Werks der Freiheitsstatue bedeutete eine enorme technische, künstlerische und finanzielle Herausforderung. Der Dokumentarfilm gibt Einblicke in die Meisterwerkstätten von damals und erzählt die Reise der weltberühmten Lady Liberty vom ersten Tonmodell bis zur endgültigen Fertigstellung der 46 Meter hohen Statue 15 Jahre später. Zudem wird die hohe Symbolkraft dieses außergewöhnlichen Werks im Zusammenhang mit den großen politischen Auseinandersetzungen und Ereignissen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beleuchtet: Amerikanischer Bürgerkrieg, Deutsch-französischer Krieg von 1870, Pariser Kommune, Dritte Französische Republik ... Anhand der Manuskripte von Frédéric-Auguste Bartholdi zeichnet der Film die engen Beziehungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert nach - einschließlich ihres gemeinsamen, bisweilen auch idealisierten Weltbilds. Eine Geschichte, die angesichts der politischen Krisen unserer heutigen Zeit stark nachhallt.
21:45
Paris, 1858: Nach einem Attentat an der damaligen Pariser Oper, das ihn und die Kaiserin beinahe das Leben gekostet hätte, beschließt Napoleon III., in seiner Hauptstadt ein neues, prunkvolles und vor allem sicheres Opernhaus bauen zu lassen. Ganz unerwartet gewinnt ein junger, unbekannter Architekt den Wettbewerb: Charles Garnier. Fast 15 Jahre lang baut er mit seinem Team und Hunderten von Handwerkern das größte Theaterhaus des 19. Jahrhunderts. Der junge Architekt setzt moderne neue Werkstoffe wie Metall ein und beschäftigt die größten Talente seiner Zeit, etwa den Bildhauer Louis-Félix Chabaud. Bis zur Fertigstellung der Oper ist Garnier starkem Gegenwind ausgesetzt: von kleinlicher Polemik, die von enttäuschten Konkurrenten ins Leben gerufen wurde, bis hin zur Kritik der republikanischen Opposition, die in der Oper ein Sinnbild für alle Ungleichheiten sieht. Trotz der unverbrüchlichen Unterstützung durch den Kaiser weht Garnier auch die Unbill des berühmten Baron Haussmann entgegen, denn dieses mit allen bekannten Regeln brechende Bauprojekt bringt die perfekte Harmonie von Haussmanns Pariser Stadtplanung durcheinander. Der Dokumentarfilm erzählt die Entstehungsgeschichte der Pariser Opéra Garnier. Das Gebäude und sein Grundriss brachen mit allen bisher bekannten künstlerischen, technischen und raumgestalterischen Konzepten eines Opernhauses. Veranschaulicht durch exklusive Archivbilder führt dieser Spaziergang hinter die Kulissen eines der berühmtesten Bauwerke von Paris, Symbol für den Stil des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. und der darauf folgenden frühen Dritten Republik.
23:15
Mit dem selten gespielten Stück "Das Paradies und die Peri" beginnt an der Staatsoper Hamburg eine neue künstlerische Ära. Intendant Tobias Kratzer und Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber eröffnen ihre erste gemeinsame Saison mit einem Werk, das gesellschaftliche Relevanz, musikalische Exzellenz und eine Reflexion über das Verhältnis von Bühne und Publikum in einem packenden Theaterabend bündelt. Robert Schumanns 1843 uraufgeführtes Stück steht zwischen Oper und Oratorium. Die Geschichte der Peri, die durch Opfermut und Mitgefühl Erlösung sucht, wird bei der Neuinterpretation durch Kratzer und Wellber auch zum Spiegel heutiger Herausforderungen, zu einer Suche nach Empathie in einer Welt voller Krisen. Kratzers Inszenierung durchbricht dabei die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum: So entsteht ein kollektives Theatererlebnis, das auch das Publikum in einen emotionalen Austausch einbindet. Vera-Lotte Boecker, 2022 vom Magazin "Opernwelt" zur Sängerin des Jahres gekürt, übernimmt die Titelrolle, ein Rollendebüt von sängerischer Virtuosität und großer emotionaler Tiefe. Der Abend steht exemplarisch für die Programmatik der neuen Intendanz an der Staatsoper Hamburg: Oper soll zum Resonanzraum drängender politischer und menschlicher Fragen werden. Die Suche der Peri nach der einen Gabe, die ihr den Weg ins Himmelreich eröffnet, führt durch die großen Krisen der Gegenwart: Krieg, Pandemie und Klimawandel.