19:40
Schon ein halbes Jahr vor Ostern fängt Theodósis Sezénias mit seiner Gruppe an, Feuerwerksraketen für den Rouketopolemos zu bauen. Mit geheimen Zutaten, an geheimen Orten, denn das österliche Feuerwerksduell auf der griechischen Insel Chios ist eigentlich illegal. Jedes Jahr in der Nacht zum orthodoxen Ostersonntag beschießen sich hier zwei Kirchengemeinden mit Zehntausenden selbstgebauten Raketen. Es ist eine Frage der Tradition und der Ehre, beim Rouketopolemos im Seefahrer-Ort Vrondádos mitzumachen. Das Spektakel, das seinen Ursprung im 19. Jahrhundert haben soll, ist inzwischen auch zur Touristenattraktion geworden - obwohl es von den Behörden nie legalisiert wurde. Theodósis ist seit mehr als 20 Jahren dabei. Der Rouketopolemos ist sein Leben, seine Gruppe für ihn so etwas wie seine Familie. "Wir leben für diese Tradition, wir halten sie aufrecht", sagt er. Es gehe dabei längst nicht nur um das Duell an sich, nicht nur darum, wer in der Osternacht den gegnerischen Glockenturm am häufigsten trifft, sondern um die monatelangen Vorbereitungen, das Zusammensein, die gemeinsamen Erlebnisse. Mittlerweile gibt Theodósis sein Wissen an die nächste Generation weiter, an die Jüngeren. Es gehöre Ausdauer dazu, sagt er, Zeit und Geld. Denn alles sei handgemacht, und bis jemand in der Lage sei, eine gute Feuerwerksrakete zu bauen, vergingen drei bis vier Jahre. Wie erfolgreich werden seine Zöglinge dieses Mal sein? "Jedes Jahr ist anders", weiß Theodósis. "Die Raketen sind unterschiedlich, die Teams ändern sich, jedes Jahr hat seine Geschichten."
20:15
Die europäischen Staatslenker tappten blindlings in jede Falle, die Wladimir Putin ihnen bisher gestellt hat: 2017 wollten Gesandte des Kremls die katalanische Unabhängigkeitsbewegung dazu bewegen, mit Madrid zu brechen - bis hin zum Angebot, Truppen nach Barcelona zu schicken! In Norddeutschland wurden knapp ein Jahrzehnt lang alte Seilschaften aus dem Kalten Krieg wiederbelebt, um die Gaspipeline Nord Stream 2 in trockene Tücher zu bringen und die Abhängigkeit Westeuropas von russischer Energie zu sichern. Dabei gelang es einem Putin nahestehenden ehemaligen Stasi-Spitzel, Landes- und Bundespolitiker davon zu überzeugen, die amerikanischen Sanktionen zu umgehen. Sobald die Pipeline fertiggestellt war und der Westen immer abhängiger von russischer Energie wurde, hielt sich Wladimir Putin für unantastbar genug, um seinen von langer Hand geplanten Angriffskrieg gegen die Ukraine durchzuziehen.
21:00
Im Juni 2024 verkündete der ehemalige Staatspräsident Dimitri Medwedew im Kurznachrichtendienst Telegram, Russland müsse das Leben der Westler in einen endlosen Albtraum verwandeln, bis sie nicht mehr zwischen haarsträubender Fiktion und Realität unterscheiden könnten. Genau das passiert derzeit. In den Monaten nach der Invasion in der Ukraine versuchten die Europäer zu reagieren. Mehrere hundert russische Agenten wurden wegen Einflussnahme, Desinformation und Destabilisierung aus dem Hoheitsgebiet der EU ausgewiesen. Moskau lernte daraus und greift inzwischen auf die Dienste Dritter zurück. So sprühten im Oktober 2023 in Frankreich mehrere aus der Republik Moldau stammende Täter Davidstern-Graffitis auf Pariser Fassaden - auf Anweisung aus Moskau, um Panik bis in die höchsten Sphären des Staates zu schüren. Im Rahmen der großangelegten Desinformations-Kampagne "Doppelgänger" wurde die Aktion anschließend im Internet publik gemacht. Diese Online-Offensive wird derzeit fortgesetzt, um das Vertrauen der Bürge zu untergraben und die westliche Demokratie weiter zu schwächen. Noch ist der Ausgang der Konfrontation ungewiss, aber die Weichen für das Chaos sind gestellt - zur großen Genugtuung des Kremlherrn Wladimir Putin.
21:45
Die Anfänge der Zusammenarbeit von Macron und Merz sind vielversprechend. Der Tradition folgend, gilt der erste Staatsbesuch des frisch gewählten Bundeskanzlers Frankreich. Am 7. Mai 2025 wird Friedrich Merz von Emmanuel Macron empfangen. Macron glaubt, in Merz den idealen Partner gefunden zu haben, um den deutsch-französischen Motor wieder anzukurbeln - im Dienst der strategischen Souveränität Europas, eines seiner erklärten geopolitischen Ziele seit 2017. Weder Angela Merkel noch Olaf Scholz waren bereit, diesen Schritt mitzugehen. Merz willigt in den "Epochenbruch" ein. Mit dem Angriffskrieg Wladimir Putins im Osten und einem unberechenbaren Donald Trump im Westen fordern beide Männer ein starkes Europa. Von Paris bis Kiew und von Berlin bis Washington begleitet die Kamera sie zu internationalen Gipfeltreffen. Sie stärken die militärischen Abwehrkräfte der Ukraine sowie den europäischen Pfeiler der Nato. Allerdings wird der deutsch-französische Neustart streckenweise durch den französischen Haushaltsstreit und wirtschaftliche Schwierigkeiten in Deutschland ausgebremst. Vor einem Abendessen in der Berliner Villa Borsig stimmt ein Quartett "Les feuilles mortes" an - eine seltsame Wahl, die erste Zweifel aufkommen lässt.
22:30
Die Anfänge zwischen Macron und Merz sind vielversprechend, dann wird es komplizierter. Die ursprüngliche, positive Dynamik wird durch die geopolitische Realität und interne Spannungen ausgebremst. Für die Ukraine ist kein Frieden in Sicht und Wladimir Putin verstärkt den Druck in Form von Fake News und Drohnenüberflügen innerhalb der EU-Außengrenzen. Europa bleibt standhaft: Es hält die Unterstützung für die Ukraine aufrecht und stärkt seine Ostflanke. US-Präsident Donald Trump wird zu einem feindseligen Verbündeten, der mit erhöhten Zöllen droht und Ansprüche auf das dänische Staatsgebiet Grönland erhebt. Paris und Berlin bieten weiterhin die Stirn und verstärken ihre militärische Präsenz im Hohen Norden. Trotz der transatlantischen Affinitäten von Merz wird der deutsch-französische Schulterschluss bei einem Abendessen im Fort de Brégançon und anlässlich eines gemeinsamen Verteidigungs- und Sicherheitsrats in Toulon bekräftigt. Doch dann bröckelt es von innen. Konfrontiert mit einer neuen, innenpolitischen Krise, lehnt Macron das EU-Mercosur-Abkommen ab und torpediert damit die deutschen Bemühungen, neue Absatzmärkte für die notleidende Wirtschaft zu finden. Auch das deutsch-französisch-spanische Programm Future Combat Air System (FCAS) zur Entwicklung von Kampfflugzeugen der Zukunft und Symbol der deutsch-französischen Ambition, scheitert vorerst, weil sich die Industrie nicht einigen kann. Schließlich zieht Macron eine Trumpfkarte: Er bietet an, den nuklearen Abwehrschirm Frankreichs auf Deutschland und sieben weitere Nachbarländer auszuweiten - für ein starkes Europa!
23:20
Zur Sicherung seines Machterhalts änderte Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán Verfassung und Wahlgesetz, zentralisierte die Medien. Befreundete Oligarchen "kauften" die meisten unabhängigen Journalistinnen und Journalisten, die seither regierungstreu berichten. Zu den neuen Ultrareichen in Ungarn zählt auch Orbáns Freund aus Kindertagen, der frühere Klempner Lorinc Mészáros, der dank zahlreicher öffentlicher Aufträge mit undurchsichtigen Vergabebedingungen zum reichsten Mann des Landes avancierte. Orbáns autoritärer Regierungsstil, die sogenannte "illiberale Demokratie", dient gleichgesinnten europäischen Amtskollegen inzwischen als Blaupause. Im alle zwei Jahre stattfindenden "Budapester Demographie-Gipfel" - eine Veranstaltung gegen Einwanderung und zur Förderung des völkischen Nationalismus - vereint er die großen rechten Stimmen Europas um sich und stützt deren Wahlkampagnen. Ungarn, mit Orbán an der Spitze, gilt als Herzstück eines großen paneuropäischen Rechtsbündnisses, das sich in Brüssel mit den "Patrioten für Europa" eine eigene Fraktion geschaffen hat. Als unverhohlene Anlehnung an die Politik des US-Präsidenten Donald Trump lautet deren Slogan: "Make Europe Great Again". Untermauert von Zeitzeugenaussagen und Expertenmeinungen, einige davon ehemalige Verbündete Viktor Orbáns, analysiert die Dokumentation, wie es dem starken Mann in Ungarn gelang, an die Macht zu kommen und diese seit mehr als 15 Jahren an sich zu binden. Wie wurde seine Methode nach Italien, Frankreich, Österreich und Brüssel exportiert? Und warum könnte die "illiberale Demokratie" langfristig die führende Politikform in Europa werden?