19:40
Schmiede fiebern der Weltmeisterschaft ihres uralten Handwerks entgegen, die alle zwei Jahre im toskanischen Stia stattfindet, unter ihnen Meister Johannes Rienhoff aus Hamburg. Dieses Jahr schickt er zwei talentierte Lehrlinge nach Italien. Alex Sun, im vierten Lehrjahr, möchte in drei Stunden eine Figur aus der griechischen Mythologie herstellen. Im Wettbewerb hat er nur einen einzigen Versuch - unter Zeitdruck, vor Publikum und bei großer Konkurrenz. 250 Schmiedekünstler aus der ganzen Welt treten an. Entsprechend gilt im Vorfeld: üben, üben, üben. So lange, bis jeder Schlag sitzt. Toranlagen, Balkonbrüstungen, Brückengeländer - in vielen Städten sind sie noch handgeschmiedet und seit Jahrhunderten Teil des Straßenbildes. Doch die Handwerker, die solche Arbeiten erhalten oder neu schmieden können, werden weniger. Allein in Deutschland ist die Zahl der Auszubildenden in den letzten zehn Jahren fast um die Hälfte gesunken. Derzeit gibt es nur rund 250 Lehrlinge in diesem Beruf. Schmied Johannes Rienhoff in Hamburg bildet in seiner Werkstatt fünf von ihnen aus - mehr, als viele Betriebe überhaupt noch Mitarbeiter haben. Er sagt, diese Arbeit brauche Menschen: "Das wird keine KI schaffen, das wird auch kein komischer Metalldruck schaffen. Es wird immer Menschen geben, die mit ihren Händen und mit ihrem Auge Dinge mit Seele produzieren." Für seine Lehrlinge ist die WM in Italien mehr als nur ein Wettkampf. Hier wird ihr Handwerk zelebriert und bewiesen, wie lebendig es noch ist.
20:15
Frankreich, Ende der 1920er Jahre: Die junge, attraktive Célestine aus Paris tritt in der Normandie ihren Dienst als Hausmädchen einer bürgerlichen Familie an. In ihrem neuen Umfeld herrschen allerhand Unsitten: Madame ist pedantisch und verbittert, Monsieur ein notorischer Lustmolch, Schwiegervater Rabour ein nostalgischer Fetischist. Der Nachbar entpuppt sich als zänkischer Militarist und der sadistische Gärtner Joseph, ein Faschist, macht Célestine auf zudringliche Weise den Hof. Das Hausmädchen weist ihn entschieden ab und verhält sich ihrer Umgebung gegenüber beobachtend und distanziert. Nur zu dem kleinen Bauernmädchen Claire verbindet sie ein liebevolles Verhältnis. Als der Schwiegervater stirbt, will Célestine kündigen und nach Paris zurückzukehren. Doch am Bahnhof erreicht sie die schreckliche Nachricht, dass die kleine Claire im nahen Wald vergewaltigt und ermordet wurde. Das Hausmädchen beschließt, zu bleiben. Zwar gibt es keine Spur des Mörders, doch Célestine verdächtigt Joseph. Um Gewissheit zu erlangen, lässt sie sich auf die Avancen des Gärtners ein. Buñuels "Tagebuch einer Kammerzofe" ist eine bitterböse Satire auf die verlogene, in ihren überkommenen Traditionen gefangene französische Provinz-Bourgeoisie vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Jeanne Moreau in der Rolle des Hausmädchens Célestine befördert die unter der Fassade lauernden Untugenden eines Milieus zutage, das Buñuel zutiefst verachtete und in vielen seiner Filme auf teils schockierende Art und Weise kritisierte.
21:50
"Die Aussprache" ist mehr als ein Film - es ist ein Manifest für weibliche Selbstbestimmung. Regisseurin Sarah Polley adaptiert den Roman von Miriam Toews und erzählt die Geschichte einer Gruppe von Frauen in einer abgeschiedenen Mennoniten-Gemeinschaft, die nach jahrelanger sexueller Gewalt durch Männer entscheiden, ob sie bleiben und vergeben, kämpfen oder fliehen. Die Gespräche, die sie führen, sind ein Akt des Widerstands. Sie brechen das Schweigen, das ihnen auferlegt wurde, und fordern ihr Recht auf Sicherheit, Würde und Glauben zurück. Der Film zeigt, wie feministische Solidarität entsteht - nicht als abstrakte Theorie, sondern als gelebte Praxis in einer Situation existenzieller Bedrohung. Mit einem herausragenden Ensemble (Frances McDormand, Rooney Mara, Claire Foy, Jessie Buckley, Ben Whishaw) inszeniert Polley eine intime, kraftvolle Debatte über Macht, Religion und die Freiheit, selbst über den eigenen Körper und die Zukunft zu bestimmen. "Die Aussprache" wurde international gefeiert und mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet. Der Film wirft die Frage auf, was es bedeutet, eine Frau zu sein, und wie man gemeinsam eine gerechtere Welt schaffen kann.
23:25
Wer sich heute mit der Diskussion über Transgeschlechtlichkeit beschäftigt, könnte meinen, es handle sich um ein modernes Thema. Doch bereits vor mehr als einem Jahrhundert gab es Menschen, die ihr Geschlecht angleichen ließen und sich für ihre Rechte einsetzten - lange bevor der Begriff "Transgender" allgemein bekannt wurde. Eine Schlüsselfigur dieser frühen Bewegung war der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. Im Jahr 1919 rief er in Berlin das erste Institut für Sexualforschung ins Leben. Hirschfeld kämpfte für die rechtliche Anerkennung queerer Identitäten und war damit seiner Zeit weit voraus. Erst seit Ende 2024 erlaubt das deutsche Selbstbestimmungsgesetz, dass Menschen selbst über Vornamen und Geschlechtseintrag entscheiden. Doch das Gesetz entfacht eine hitzige Debatte: Wer definiert das Geschlecht? Schon vor 100 Jahren stehen queere Menschen im Zentrum eines Kulturkampfs. Hirschfelds Einsatz für Vielfalt und Entkriminalisierung macht ihn selbst zur Zielscheibe. 1920 wird er nach einem Vortrag niedergeschlagen und für tot erklärt - er überlebt jedoch und arbeitet weiter, bis die Nationalsozialisten an Macht gewinnen. Sie plündern und verwüsten sein Institut, Hirschfeld flieht ins Exil. Es ist das Ende des liberalistischen Geistes der Weimarer Zeit und der Beginn grausamster Verfolgung queerer Menschen. In der Dokumentation "Die sexuelle Provokation - Magnus Hirschfeld und die Geschlechter" ergründet der Regisseur Miguel Kaluza die Geschichte des Sexualpioniers und fragt: Warum provoziert Vielfalt bis heute? Droht ein neuer Backlash?
00:20
Seit mehr als hundert Jahren wird der Roman "Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne" wegen seiner lustvollen Darstellung kindlicher und weiblicher Sexualität kontrovers besprochen. Pornografische Literatur von Weltrang für die einen, missbräuchliche Darstellung kindlicher Sexualität für andere. Anonym 1906 publiziert und über viele Jahrzehnte dem österreichischen Schriftsteller Felix Salten ("Bambi") zugeschrieben, wurde der Roman zeitweise verboten und gleichzeitig als bedeutende wienerische Literatur gefeiert. Mit einem Zeitungsaufruf lädt Ruth Beckermann zu einem Casting für einen Film ein, der den bekannten pornografischen Roman zur Grundlage hat: "Männer zwischen 16 und 99 Jahren gesucht." Der Film "Mutzenbacher" konfrontiert in einer ehemaligen Sargfabrik in Wien hundert Leser mit Auszügen aus dem Werk. Keine Ausstattung, keine Maske, lediglich eine Couch. Gefragt ist die Bereitschaft, sich zu einem Text, seiner Sprache und seinem Thema offen in Bezug zu setzen. Improvisation pur. In dem intelligent arrangierten Setting, das Analyse und Affekt, Reflexion und Intimität gleichermaßen ermöglicht, überschreiten die Männer die Grenzen des Streitraums Literatur und eröffnen uns und sich selbst Einblicke in den Kosmos von Erotik und Sexualität diesseits und jenseits der Männerfantasie. Ein Film wie ein Experiment zwischen Imagination und Identität, der das Tabu weder leugnet noch beschwört und deshalb viel erzählt von "#Me" und nicht zuletzt auch von #MeToo.
02:05
Was ist wirklich dran an der Heilkraft des Fastens? Angesichts der Gefahren durch skrupellose "Fasten-Gurus" und skeptische Gesundheitsbehörden haben Sylvie Gilman und Thierry Lestrade, die Macher der erfolgreichen Dokumentation "Heilen und Fasten", beschlossen, einen weiteren Film zu drehen, um die Mechanismen, Versprechungen und Grenzen des Fastens auf der Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu erforschen. Tatsächlich scheinen die Forschungsergebnisse zahlreicher Studien der letzten Jahre die positive Wirkung des Fastens auf Diabetes, Rheuma, Autoimmunerkrankungen, das Mikrobiom, Bluthochdruck und Krebs zu bestätigen. Die Dokumentation begleitet Stéphane, der aufgrund von gesundheitlichen Problemen zwei Wochen fastet. Parallel dazu werden neueste Erkenntnisse aus den USA, Deutschland und Italien aufgegriffen, um zu erklären, was während des Nahrungsverzichts im Körper geschieht: von der Autophagie - einem natürlichen Reinigungs- und Recyclingprozess der Zellen - bis hin zur Stoffwechselumstellung in die sogenannte Ketose, die zur Bildung von Ketonen führt, einem Superkraftstoff mit entzündungshemmenden Eigenschaften. Neben dem mehrtägigen Fasten erlebt das Intervallfasten sowohl in den sozialen Medien als auch in der Wissenschaft einen regelrechten Hype. Die neue Ernährungsweise, bei der statt der Kalorien auf dem Teller die Stunden zwischen zwei Mahlzeiten gezählt werden, könnte die Behandlung vieler chronischer Krankheiten revolutionieren. Ob als Therapie oder Prävention - dass Fasten Teil der Gesundheitspolitik werden könnte, ist die Hoffnung vieler Wissenschaftler.
03:05
Abgeschieden vor der isländischen Küste im Nordatlantik liegen die Vestmannaeyjar, die sogenannten Westmännerinseln. Die Bewohner dieser Inselgruppe, die im Zuge von Vulkanausbrüchen im Meer entstand, lernten den Umgang mit der intensiven, bisweilen lebensbedrohlichen Vulkantätigkeit. 1973 ereignete sich auf der einzig bewohnten Insel des Archipels, Heimaey, eine außergewöhnliche Naturkatastrophe: Mitten in der gleichnamigen Stadt bildete sich ein Vulkan. Lavafontänen schossen aus einer Erdspalte Hunderte Meter hoch und es regnete glühende Gesteinsbrocken. Die Einwohner wurden evakuiert und etwa 400 Gebäude unter der Lava begraben. Seitdem gilt Heimaey als Pompeji des Nordens. Damals gelang es den freiwilligen Helfern, den Lavastrom mit Hilfe von Meerwasser einzudämmen. Anstatt das gefährliche Gebiet zu verlassen, haben die Vestmenn - die "Männer des Westens" - hier später wieder Familien gegründet und Häuser gebaut. Doch die Vulkane bringen nicht nur Verwüstung mit sich: Die vergangenen Ausbrüche haben die Inseln mit einer dichten Ascheschicht bedeckt, die einen großartigen natürlichen Dünger darstellt. Arnaud begleitet den Fischer und Schafzüchter Bjarni Barrenstein beim waghalsigen "Almauftrieb": In einem Fischerboot transportieren sie die Tiere zur nächsten Weide. Mit Hilfe einer hoch aufgehängten Winde setzen Arnaud und Bjarni ein Schaf nach dem anderen auf den zerklüfteten Steilfelsen der Insel an Land. Dort genießen die Tiere das reichhaltige Gras voller vulkanischer Mineralien. Trotzdem bleiben die Vulkane eine ständige potenzielle Bedrohung für die Bewohner, die längst gelernt haben, mit den Unbilden der Natur zu leben.
03:30
03:40
Fotos können unser Weltbild beeinflussen. Und jedes Foto hat eine Entstehungsgeschichte. Das Magazin "Mit offenen Augen" ordnet Bilder ein und erklärt Hintergründe. Moderatorin Sonia Devillers liefert faszinierende Aufschlüsse, die über den ersten Blick hinausgehen.
03:50
Das Kulturmagazin des Senders ARTE wird täglich aus Paris gesendet. Aktuelle Themen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft stehen im Zentrum der Sendung und werden versiert unter die Lupe genommen.