19:20
ARTE Journal, das europäische Nachrichtenmagazin, wirft einen aktuellen, weltoffenen und europäischen Blick auf Politik und Kultur.
19:40
Wenn Kremlkritiker aus Russland fliehen, um Repressionen zu entkommen und ihr Leben zu schützen, endet die Verfolgung oft nicht an der Grenze. Pavel Krisevich war der jüngste Performancekünstler in Russland, der die Staatsmacht mit mutigen Kunstaktionen auf dem Roten Platz herausforderte. Dafür wanderte er für mehrere Jahre ins Gefängnis. Um härteren Strafen zu entgehen, verließ er das Land und lebt mittlerweile in Paris. Dennoch ist er nach wie vor im Visier des Kreml. Ausgerechnet ein ehemaliges Mitglied von Pussy Riot wurde Berichten zufolge vom Geheimdienst auf ihn angesetzt. Durch die Sendung führt der Journalist und Filmemacher Igor Saadrev, der ebenfalls Russland verlassen hat und kürzlich vom Kreml zum "ausländischen Agenten" erklärt wurde. Ein neues Gesetz der Duma entzieht den "Agenten" jede Lebensgrundlage in Russland: Konten werden gesperrt und Konsulate stellen keine neuen Pässe aus. Belarus geht ähnlich vor. Die Frontsängerin der Band Dymna Lotva wurde fünf Jahre nach ihrer Flucht in Minsk in Abwesenheit wegen Terrorismuspropaganda angeklagt. KGB-Mitarbeiter sollen sogar die Konzerte der Band in Polen überwacht haben.
20:15
Im Juni 1456 überflog der Komet Halley den Himmel über dem Balkan. In fast ganz Europa deutete man dies als Vorboten der bevorstehenden Apokalypse. Mit einer Ausnahme: Der aus der Walachei stammende Vlad III., auch Dracula genannt, sah darin ein gutes Omen. Nach einer gewaltsamen Machtübernahme als Anführer einer kleinen Armee ließ er den Kometen auf seine Münzen prägen. Seine Herrschaft war gnadenlos. Seine bevorzugte Hinrichtungsmethode versetzte die Menschen in Angst und Schrecken und brachte ihm den Beinamen "der Pfähler" ein. So steht es jedenfalls in den Texten jener Zeit, die dank des Buchdrucks verbreitet wurden. 1890 stieß der irische Schriftsteller Bram Stoker im Zuge seiner Recherchen auf den Namen Dracula und verwendete ihn für seinen Roman. In den 1970er Jahren machte der rumänische Diktator Nicolae Ceau?escu aus Vlad dem Pfähler einen Nationalhelden. Wahrheit oder Mythos? Seit mehreren Jahren beschäftigen sich Forschende mit der Quellensammlung Corpus Draculanium und hinterfragen die Geschichte von Vlad III. Sie analysieren private, diplomatische und zu Handelszwecken verfasste Korrespondenz, Verhandlungsprotokolle, verwaltungstechnische Dokumente, Erzählungen und Bilder sowie Münzen und Siegel aus der damaligen Zeit. Die Quellen stammen aus ganz Europa und erzählen die Geschichte eines shakespeareschen Herrschers, der zwischen dem christlichen Westen und dem seit dem Fall Konstantinopels im Jahr 1453 immer mächtiger werdenden Osmanischen Reich gefangen war. Das damalige Europa befand sich im Umbruch, und die Walachei lag an der Grenze zweier gegensätzlicher Gesellschaften.
21:45
Zwischen Karpaten und Donau wurde im Mittelalter immer wieder gekämpft: Kriege, Einfälle und Plünderungen prägten die Geschichte der Region. Im 15. Jahrhundert regierte in der Walachei Vlad III., genannt "der Pfähler". Jahrhunderte später ließ sich Bram Stoker von seinem Namen und einzelnen historischen Bezügen zu seiner berühmten Romanfigur Graf Dracula inspirieren. Die Dokumentation untersucht, wie die Geschichten und Mythen um Graf Dracula die Orte prägen, an denen sie spielen. Und sie zeigt ungestörte Natur, wie sie in Europa nur selten zu finden ist: Mehr als die Hälfte der europäischen Braunbären lebt in den wilden Wäldern der Karpaten, ebenso Adler, über 3.000 Wölfe, Eulen, Krähen und Fledermäuse. Forscherinnen und Forscher geben Einblick in ihre Arbeit mit Krähen und Fledermäusen und klären über Mythen und Vorurteile über die unheimlichen Tiere auf.
22:30
Angst ist eine der stärksten menschlichen Emotionen, soll uns schützen - und doch genießen viele von uns genau dieses Gefühl beim Anschauen von Horrorfilmen. Die körperlichen Reaktionen beim Blick auf Monster, Zombies oder erfundene Massenmörder sind messbar und die gleichen wie bei echter Gefahr: Schwitzen, beschleunigter Herzschlag, schnelle Atmung. Aber warum tun wir uns das an? Die Psychologie spricht von sogenannter Angstlust: Wir erleben eine intensive emotionale Achterbahnfahrt, nach dem Schrecken folgt die wohltuende Erleichterung - ein Endorphinrausch, der Körper und Geist entspannt. Kein Wunder, dass Grusel seit Jahrhunderten fester Bestandteil unserer Kultur ist. Forschende gehen davon aus, dass wir, wenn wir uns in Sicherheit ängstigen, unseren Umgang mit dem Gefühl der Angst trainieren können. Wie in einer Mini-Expositionstherapie lernen wir, mit dem unangenehmen Gefühl umzugehen, während wir in Sicherheit auf dem Sofa sitzen. Erste Studien des "Recreational Fear Lab" im dänischen Aarhus legen sogar nahe: Wer regelmäßig Horror genießt, entwickelt eine bessere Stressresistenz. Doch auch das Maß ist entscheidend: Wer es übertreibt, riskiert Schlaflosigkeit und Alpträume.
23:00
Zombies erschrecken und faszinieren uns zugleich - Zombiefilme boomen. Woher kommt unsere Faszination für die Untoten? Die Dokumentation reist vom westafrikanischen Totengeist und den Voodoo-Legenden Haitis zum Umbruch im Kino der 1960er Jahre, als George A. Romero mit "Die Nacht der lebenden Toten" den modernen Zombie erschuf. Seitdem wandelt sich die Figur vom schlurfenden Menschenfresser zum rasenden Blockbuster-Monster, das ganze Zivilisationen bedroht - und manchmal wieder fast menschlich erscheint. Mit Filmklassikern, Behind-the-scenes-Material und persönlichen Geschichten aus Hollywood und der Independent-Szene zeigt die Dokumentation, warum der Zombie zeitlos ist: Er spiegelt unsere Ängste, Krisen und Wünsche. Der Horror der Gegenwart bietet Filmemachern ein unerschöpfliches Spielfeld. Der amerikanische Maskenbildner und Regisseur Greg Nicotero ("The Walking Dead") gewährt beim "The Living Dead Weekend" in Pittsburgh Einblicke in seine Arbeit. In Berlin lädt die deutsche Filmemacherin Shamila Lengsfeld einen Zombie-Darsteller zum Testdreh und bearbeitet das Material mit KI. Das Genre reicht weit über Horror hinaus. In "Resident Evil" (2002) wird Milla Jovovich zur Action-Ikone und folgt damit Lori Cardille, die in Romeros "Day of the Dead" (1985) eine frühe starke Frauenrolle verkörperte. Romero sowie die Filmexperten Marcus Stiglegger und Benjamin Rubin erläutern, wie sich der Zombie vom kolonialen Opfer zum Symbol für Konsum, Identität und gesellschaftliche Konflikte wandelte. Zombies sind zwar untot - aber sie erzählen mehr über die Lebenden als über die Toten.
23:55
In Abomey, Benin, in einem Voodoo-Tempel, der der mächtigen Meeresgöttin Mami Wata gewidmet ist, wachsen ein Bruder und eine Schwester inmitten von Ritualen, Besessenheitstänzen und nächtlichen Zeremonien auf. Die 16-jährige Déo absolviert eine Ausbildung zur Friseurin und träumt davon, ihren eigenen Salon zu eröffnen. Der 31-jährige Sam, der als Hauptassistent seines Priester-Vaters Barthélémy arbeitet, bereitet die Eröffnung eines mobilen Fotoautomaten vor. Er träumt von einem Copy-Shop. Der Vater leitet den Tempel mit der ruhigen Autorität eines Menschen, der das Heilige nicht vom Alltäglichen trennt. Während der Dreharbeiten stirbt Barthélémy völlig unerwartet. Ohne Priester verliert der Tempel seine Legitimität, die Gläubigen wenden sich ab, und das wirtschaftliche Überleben der ganzen Familie ist gefährdet. Es müssen groß angelegte Trauerfeiern organisiert werden und das kostet nicht nur Geld. Man muss dafür bis nach Togo zu reisen, um einen Bokono-Priester zu finden, der in der Lage ist, den Fâ zu befragen und einen Nachfolger zu benennen. Wird das Orakel Déo oder Sam als Nachfolger verpflichten, oder haben die beiden eine Chance, ihre Lebensträume zu realisieren? Der Film begleitet die beiden in einer entscheidenden Lebensphase. Müssen sie ihre Träume für die Tradition und das Wohl der Familie opfern? Oder fällt das Los auf ein anderes Familienmitglied?