15:50
Seit 1850 sind die Gletscher des Mont Blanc um fast 70 Prozent geschrumpft. Im Tal von Chamonix haben diese Veränderungen zur Entstehung von Gletscherhöhlen geführt, die von Bergführern wie Jean-Franck Charlet und David Delachat gezeigt werden. Im Département Pyrénées-Atlantiques wandert Véréna Patacq jeden Sommer mit ihrem Vater durch die Berge, um dort lokales Saatgut zu gewinnen. Sie stammt aus einer Familie von Saatgutproduzenten und treibt die Neuanpflanzung von Horst-Rot-Schwingel voran, einer lokalen Grasart, die der Bodenerosion entgegenwirkt und im Winter den Schnee an den Hängen hält. Nicht weit davon entfernt, im Baskenland, verarbeitet die Gebirgs- und Schafliebhaberin Aña Andiazabal das Vlies der einheimischen Schafrasse Manech Tête Noire, die viele Jahre lang nicht mehr für die Wollproduktion genutzt wurde, zu Pullovern, Espadrilles, Matratzen und Steppdecken. Damit knüpft sie an eine alte Handwerkstradition an, die sie mit den Hirten verbindet.
16:20
Im Nordosten Chinas leben zwei der seltensten Großkatzen der Welt in unmittelbarer Nachbarschaft: Amur-Tiger und Amur-Leoparden. In den ausgedehnten Wäldern dieser Grenzregion haben sie Strategien entwickelt, um nebeneinander zu überleben. Den Amur-Tiger, den König des Waldes, in freier Wildbahn zu filmen, gelingt nur sehr selten. Das Filmteam hat es geschafft. Wir begleiten den majestätischen Jäger auf seiner Jagd nach Beute. Die Herde Sikahirsche, auf die er es abgesehen hat, ist jedoch auf der Hut und der heftig fallende Schnee spielt ihnen in die Karten. Im Frühling erwachen Dybowski-Frösche aus dem Winterschlaf und begeben sich auf Futtersuche, die manchmal ganz schön gefährlich werden kann. Und eine Ussuri-Grubenotter unternimmt große Anstrengungen, um eine Chinesische Rotbauchunke zu überwältigen. Aber die Unke weiß sich zu wehren. Im Winter jagen kleine Zobel nach Nahrung. Und wenn es für die Erlegung der schnellen Meise nicht reicht, werden eben die Vorräte von Eichhörnchen geplündert. Die Amur-Leoparden schließlich leben hier seit langer Zeit Seite an Seite mit den Amur-Tigern. Sie passen sich geschickt an die Bedingungen in ihrem Lebensraum an und meiden die Wege der Tiger. Eine bemerkenswerte Koexistenz, die nur unter sehr besonderen Voraussetzungen funktionieren kann.
17:00
Die nebelverhangenen Wälder des Wuyi-Gebirges zeichnen sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt an Lebensformen aus. Viele von ihnen haben erstaunliche Strategien entwickelt, um in diesem abgeschiedenen Ökosystem zu überleben. So lockt eine listige Leichenblume Insekten an, indem sie den Geruch verwesenden Fleisches verströmt. Im Winter wirbt der seltene Liu-Krötenfrosch mit seinen psychedelisch gefärbten Augen spektakulär um ein Weibchen. Bei einer Familie von Elsterfälkchen gibt es einen Stubenhocker, der partout nicht flügge werden will, und eine Malaienadler-Mutter trotzt dem dichtesten Nebel, um zu jagen und ihren Küken Futter zu bringen. Eine gebänderte Blumenmantis verschmilzt optisch fast mit den Blüten der Hortensie, um ihre Beute in Sicherheit zu wiegen, bevor sie sie überwältigt. Und uralte Moose passen sich auf beeindruckende Weise veränderten klimatischen Bedingungen an, während Pilze im Wald eine wichtige Rolle beim Recycling von Nährstoffen spielen.
17:50
Kaliforniens Seeotter leben in dichten, artenreichen Unterwasserwäldern aus Riesenalgen, sogenannten Kelpwäldern. Dort finden sie Nahrung und Schutz, um ihre Jungen aufzuziehen. Die Kelpwälder wurden allerdings durch steigende Wassertemperaturen und die Massenvermehrung gefräßiger Seeigel zu großen Teilen vernichtet. Forscherinnen und Forscher suchen nun fieberhaft nach Wegen, um zu retten, was noch übrig ist. Seeotter spielen dabei eine Hauptrolle, denn sie fressen Seeigel und halten so den zauberhaften Unterwasserdschungel am Leben. Wichtiger Nebeneffekt: Kelp bindet riesige Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid und bremst damit die Erderwärmung. Die Otter werden zu tierischen Kämpfern für das Klima. Die Dokumentation begleitet mit spektakulären Über- und Unterwasseraufnahmen das Familienleben der Seeotter und anderer Kelp-Bewohner und zeigt den Kampf engagierter Biologen des weltberühmten Monterey Bay Aquariums um das Überleben dieser vom Aussterben bedrohten Art.
18:30
Wer in Floridas glasklaren Flüssen einer Seekuh begegnet, erlebt ein sanftes Tier, das am liebsten Seegras frisst. Doch die Rundschwanzseekühe sind in Gefahr: Kälte, Umweltverschmutzung und Klimawandel bedrohen ihr Leben. Im Winter leiden sie an Kältestress, der tödlich enden kann. Rettung bieten warme Quellen - doch dort fehlt Nahrung. Früher war alles anders: Flüsse wie der Crystal River waren einst voller Seegras. Heute verdrängen Algen die Pflanzen, ausgelöst durch Überdüngung und Stürme. Lisa Moore gründete deshalb die Hilfsorganisation "Save Crystal River" und begann, Algen abzusaugen und Seegras neu zu pflanzen. Trotz Rückschlägen durch Hurrikane zeigt das Projekt Erfolg: Das Gras kehrt zurück - und mit ihm die Hoffnung für die Seekühe. Atemberaubende Unterwasseraufnahmen zeigen, warum diese Tiere nicht nur bedroht, sondern auch ein Symbol für den Schutz unserer Natur sind.
19:20
Die auf vielen Sendern vorgenommene strikte Trennung von Politik- und Kulturnachrichten wird hier aufgehoben. Es werden Schnittpunkte aus beiden Bereichen präsentiert und Zusammenhänge dargestellt.
19:35
19:40
Laurent Raimondo, ein Restaurantbesitzer im südfranzösischen Menton, ist einer dieser Menschen, die das Recht in ihre eigenen Hände nehmen: Nach wiederholten Sachbeschädigungen und Anzeigen, die keinerlei Wirkung zeigten, gründete er die Initiative "Sauberes Menton". Er vertrieb junge Leute, die seine Einrichtung beschädigten, mit dem Stock. Das Video der Prügel-Aktion stellte er ins Internet, dort feiern ihn viele als einen "gerechten Rächer". Allerdings droht ihm noch immer die Strafverfolgung wegen dieses Aktes der Selbstjustiz. Ein anderer Mann, dessen Gerichtsverhandlung mit seinem Einverständnis anonymisiert gefilmt werden durfte, stach auf seinen Nachbarn ein, der ihn über Monate mit Ruhestörung belästigte. Ein anderer junger Mann bereut seine Tat: Er wollte den Tod seines kleinen Bruders rächen und schoss deshalb auf einen Familienangehörigen des Täters. Nach seiner Haft versucht er nun, die Menschen darüber aufzuklären, dass solche Akte von Selbstjustiz nur zerstörerisch wirken und auf dem Friedhof oder im Gefängnis enden. Die Justizbehörden in Frankreich sind alarmiert durch die Zunahme der Selbstjustiz, die durch die Reden von rechtspopulistischen und rechtsextremen Politikern gefördert werden. Sie gefährden die Demokratie: Was bleibt von der Rechtsstaatlichkeit noch übrig, wenn Bürger aufhören, an die Gerechtigkeit zu glauben, und deshalb nach Vergeltung trachten?
20:15
Bernard wird von seiner Frau aus dem gemeinsamen Alltag gerissen: Nach fünf Jahren Beziehung macht sie Schluss und lässt ihn in einem Zustand zwischen Wut, Verzweiflung und Leere zurück. Um der Einsamkeit zu entkommen, zieht er in einen modernen Wohnkomplex, der ausschließlich Singles vorbehalten ist. Zusätzlich übernimmt er Nachtdienste bei SOS Médecins - Arbeit als Betäubung gegen die schlaflosen Stunden, in denen die Trennung am lautesten nachhallt. Nach einer seiner Touren kommt er spätabends nach Hause und entdeckt im Aufzug eine Frau kurz vor dem Zusammenbruch: Nadine, seine Nachbarin. Sie wurde von ihrem Partner Terry, einem selbstverliebten Musiker, verlassen und pendelt seitdem zwischen Depression und unkontrollierbaren Essanfällen. Bernard bringt sie in ihre Wohnung, hört zu, tröstet und erkennt im Kummer der anderen den eigenen. Aus den zufälligen Begegnungen im Flur und den nächtlichen Gesprächen wird Komplizenschaft. Beide klammern sich an das, was ihnen gerade möglich ist: Verständnis, Nähe, ein Moment der Ruhe. Doch je stärker die Bindung wird, desto deutlicher zeigt sich, wie fragil Trost sein kann und wie schnell aus Freundschaft Erwartungen entstehen, die beide überfordern. Patrice Leconte inszeniert die Geschichte als fein beobachtete, sanft ironische Sittenkomödie, die zwischen Melancholie und Leichtigkeit balanciert. Getragen von präzisem Timing und einem zurückgenommenen Spiel der Hauptdarstellenden entfaltet der Film eine Atmosphäre, in der Verletzlichkeit und Komik eng beieinanderliegen.
21:35
Sidonie, erfolgreiche französische Schriftstellerin, reist auf Einladung ihres Verlegers Kenzo nach Japan, um dort die Wiederauflage ihres ersten Buchs zu promoten. Sie ist lange nicht mehr gereist und fühlt sich in dem Land fremd. Seit dem Unfalltod ihres Mannes Antoine vor einigen Jahren hat sie nicht mehr geschrieben und klammert sich an ihre Trauer. Zwischen Kenzo und Sidonie entsteht eine stille Freundschaft, denn auch er trägt eine verletzte und einsame Seele in sich. In Japan beginnt Sidonie, ihren verstorbenen Mann zu sehen. "Ganz normal", versichert Kenzo ihr, Japan sei das Land der Geister, hier würden alle mit ihren Verstorbenen leben. Antoine erscheint ihr nun häufiger, und die beiden führen klärende Gespräche. Er will, dass sie ihn endlich gehen lässt. Auf ihrer sehr stillen Reise durch Japan heilt Sidonie langsam und es gelingt ihr, Antoine endlich ziehen zu lassen. Sie will weiterleben und findet schließlich sich selbst und ihre Worte als Schriftstellerin wieder. Zwischen ihr und Kenzo ist eine neue Liebe gewachsen. Die Regisseurin Élise Girard inszeniert diesen Balanceakt zwischen Trauer und Hoffnung als filmische Meditation - malerisch in den Bildern, aber nie aufdringlich. Die Bilder Japans, menschenleere Tempel, nebelverhangene Gärten, die kunstvoll gestaltete Insel Naoshima, wirken wie Postkarten, die eine perfekte, aber auch distanzierte Kulisse für Sidonies innere Reise bieten. Die Dialoge sind sparsam, die Pausen lang, als wolle der Film den Atem anhalten, um den Moment der Entscheidung einzufangen: Wird Sidonie den Schritt zurück ins Leben wagen?
23:10
Als nach Baggerarbeiten in der Mündung des Flusses Tees eine Flut toter Krabben und Hummer an Land gespült wird, gerät die Welt der traditionellen Fischer im Nordosten Englands aus den Fugen. Sie fühlen sich von der Politik verraten - dabei war hier 2016 die Brexit-Begeisterung groß. Ein Freihafen sollte entstehen, viele Arbeitsplätze waren versprochen. Stan Rennie gehört zu jenen traditionellen Fischern, die seit Jahrhunderten denselben Küstenabschnitt bewirtschaften. Sie sind überzeugt, dass bei Baggerarbeiten für den Freihafen vergifteter Schlamm und Industrieabfälle der vergangenen Jahrzehnte an die Oberfläche gespült und Tiere vergiftet wurden. Vom Fischfang zu leben, ist für Stan und seine Kollegen kaum noch möglich. Netze bleiben leer, Existenzen geraten ins Wanken - und mit ihnen ein ganzes kulturelles Erbe. Während die Fischer Alarm schlagen und sich mit aller Kraft für den Schutz des Meeres einsetzen, verfolgen lokale Politiker ehrgeizige Brexit-Pläne. Zwischen wirtschaftlichen Versprechen und ökologischen Risiken verschärft sich der Konflikt und wirft grundlegende Fragen nach Verantwortung, Wahrheit und Zukunft auf. Jeanie Finlay nähert sich diesem vielschichtigen Geschehen mit nüchterner Klarheit und großer Empathie. Ihr Blick gilt einer Gemeinschaft, die sich von der Politik und den Brexit-Befürwortern vergessen fühlt, die jedoch in der Krise eine neue Stimme findet. Der Zusammenhalt ist stark: Im Pub werden Sorgen geteilt und Strategien entwickelt. Aus Ohnmacht wächst Widerstand - und die Entschlossenheit, für die eigene Existenz und auch für die Zukunft der nächsten Generation einzustehen.