Vermächtnis einer Liebenden

Vermächtnis einer Liebenden

Nel Wouters (1886-1971) hat der Entstehung sämtlicher Werke ihres Mannes, des Malers Rik Wouters (1882-1916), beigewohnt. Sie sorgte dafür, dass ihr Künstlergatte sich voll und ganz seinem Schaffen widmen konnte. Er malte, was ihn umgab, und das war immer wieder seine Frau. Hausfrau und Göttin zugleich, stand sie für den Alltag gerade und tauchte, wenn er es wollte, auch mal als nackte Diana im Wald zwischen den Bäumen auf. Schwärmerisch erinnert sich die Witwe an das idyllische Leben voller Kunst und Liebe vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, an den letzten Frühling und den letzten Sommer 1914 im Waldviertel 'Coin du Balai' in Boitsfort südöstlich von Brüssel. Seine Werke, beeinflusst von anerkannten Meistern der modernen Malerei wie Ensor, Cézanne und van Gogh, ließen sich keiner bestimmten Richtung zuordnen und stand im Gegensatz zur zeitgenössischen Kunst. Dann kam mit dem 4. August 1914 das Ende der Zivilisation und damit auch das Ende des Glücks im 'Coin du Balai'. Wie alle Soldaten aus dem Volk wurde Rik Wouters zur Linieninfanterie eingezogen. Er sah das industriemäßige Töten und stand am Rande des Wahnsinns. Dann kam er in ein Gefangenlager. Nel besuchte und ermutigte ihn, wieder zum Pinsel zu greifen, um diese neue Welt voller Grau und Schwarz zu erfassen. Mit Unterstützung von Bewunderern erwirkte sie seine Freilassung und sie zogen nach Amsterdam. Rik fing wieder an zu malen, aber ein Schatten lag über Nels Zügen. Ihr Gesicht wurde zum Spiegel des Todes. Rik erkrankte unheilbar an Mundkrebs. Unsentimental erzählt Nel von Riks Anstrengungen, gegen das Leiden anzumalen. In einem erschütternden Bericht spricht sie von Riks letzten Stunden, seiner Angst vor Gott und dem Priester, den sie widerwillig rufen ließ. Völlig entstellt starb Rik 1916, mit 34 Jahren. Nie konnte Nel ein wirklich neues Leben anfangen. Der einzige Trost für die Hinterbliebene ist das ständige Eintauchen in die Vergangenheit, die für sie eine humanere Welt bedeutet.

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