"Vergesst uns nicht, erzählt es weiter" - Die letzten Zeugen
Es ist ein bedrückender und beeindruckender Theaterabend. Am Wiener Burgtheater erzählen und berichten Überlebende des Holocaust ihre ganz persönlichen Geschichten. Sie erzählen von Panik, Verzweiflung, Angst und Gewalt, von Zufall und Glück, von Zivilcourage und Niedertracht, aber auch von einem unbändigen Überlebenswillen.
"Überleben", sagen sie, "ist ein Privileg, das verpflichtet." Es ist ein ganz besonderer Abend, der zum Nachdenken auffordert, ein Abend ohne Sentimentalitäten, ohne Rache und ohne Belehrung und vielleicht gerade deshalb so stark.
Was kann Theater und was kann die Stimme des Einzelnen bewirken, wieso ist man von diesem Theaterabend so ergriffen und was macht den Erfolg aus. All das gilt es zu hinterfragen. Die letzten Zeugen, noch sprechen sie, was aber passiert, wenn es sie nicht mehr gibt.
Die Dokumentation beleuchtet mit unterschiedlichen filmischen Mitteln die Biografie der Betroffenen und erzählt von unvorstellbaren Schicksalen, aber auch von Menschen, deren Lebensaufgabe es ist, dass die Taten der Vergangenheit nie vergessen werden. Es ist ein Blick in die Vergangenheit, aber auch der Versuch das Heute zu verstehen. Eine der Zeugen ist Suzanne-Lucienne Rabinovici, sie beschreibt die Idee des Abends: "Wir fühlen eine Forderung der Umgebrachten: Vergesst uns nicht! Erzählt es weiter!".
Hinter einer weiß schimmernden Leinwand sitzen die Zeitzeugen. Sie sind zwischen 82 und 101 Jahre alt und konfrontieren das Publikum mit ihrer unmittelbaren Präsenz, während ihre persönlichen Berichte von Angst, Vertreibung und dem Grauen der Konzentrationslager von Ensemble-Mitgliedern vorgetragen werden. Während sich die Jungen ihre Sätze aneignen, sieht man die gefassten Gesichter der Zeitzeugen großflächig auf die weiße Leinwand projiziert. Eine Frau schreibt auf einer großen Papierrolle mit: Alles wird protokolliert, kein Name darf vergessen werden.
Gegen Ende des Abends tritt jeder der Zeitzeugen aus der Tiefe der Bühne hervor und ergreift selbst das Wort. Die große Last der Erinnerung an den Nazi-Terror wird schmerzhaft spürbar. "Die Bühne wird der Boden über diesem Abgrund", schreibt Autor Doron Rabinovici. Das Stück bietet keinen Platz zum Fabulieren, die Bühne gehört den Zeugen und ihren Botschaften, die es gilt, über ihren Tod hinaus am Leben zu erhalten.