Romeo und Julia in Afghanistan
Der Dokumentarfilm aus Afghanistan beginnt mit den Liebesbriefen einer Frau: Abdul liest die Briefe vor, die seine grosse Liebe Fatemeh ihm geschrieben hat. Abdul und Fatemeh lieben sich, doch Fatemehs Vater lässt seine Tochter nicht mehr aus dem Haus. Die beiden können nur noch im Dunkel der Nacht miteinander kommunizieren - dann geben sie sich heimlich Signale mit der Taschenlampe.
Doch zum Glück ist da die afghanisch-australische Hilfswerkleiterin Mahboba Rawi. Die starke und selbstbewusste Frau setzt sich mit aller Kraft für die Heirat von Fatemeh und Abdul ein, dem Waisenjungen, der für sie ein bisschen wie ihr Sohn ist. Fatemehs Vater will einen sehr hohen Brautpreis oder eine Braut für seinen Sohn - ansonsten wird er seine Tochter an einen fremden Mann verheiraten. Mahboba fehlt es an Geld, ihr bleibt deshalb keine Wahl: Sie muss eine Braut für Fatemehs Bruder finden - und wird dadurch selbst in die Rolle der Kupplerin gezwungen.
Die Kamera folgt Mahboba bei ihren eilig organisierten Familienbesuchen und ist sehr nahe an den Müttern und ihren Töchtern, um die richtiggehend gehandelt wird. Wie es denn für sie sei, eine Mutter zu fragen, ob sie ihre Tochter hergebe, um sie mit einem fremden Mann zu verheiraten, wird Mahboba von einer australischen Journalistin im Film gefragt. Je länger die komplizierte Geschichte läuft, desto erhitzter werden die Gemüter der Beteiligten, Mahbobas Bruder will alles hinwerfen. Und dann bleibt auch noch das Auto im Dreck stecken - reale Szenen mit einer Spur Tragikomik.
Indem der Dokumentarfilm all die Hindernisse dieser Liebe aufzeigt, verweist er indirekt auch auf die Tatsache: In Afghanistan sind Liebesheiraten eine Seltenheit. Nach UNO-Angaben werden rund drei von vier Frauen zwangsverheiratet, und die meisten Frauen sind bei der Heirat unter 16 Jahre alt.
Die katastrophale Lage des Landes, in dem seit 1978 ununterbrochen Krieg herrscht, widerspiegelt sich in der Situation der Frauen wieder. Und diese hat sich seit dem Sturz der Taliban 2001 alles andere als verbessert: Laut UNO ist das Land neben Ostkongo und Indien für Frauen eines der gefährlichsten Länder der Welt: Entrechtung, Unterdrückung, Versklavung, Vergewaltigung sind weit verbreitet.
Es ist nicht der erste Film von Amin Palangi über Afghanistan. Davor hat der iranisch-australische Regisseur den Dokumentarfilm «Hidden Generation» gedreht: Darin geht es um die Selbstverbrennungen von Frauen. Mit «Romeo und Julia in Afghanistan» wollte er einen anderen Film über das Land am Hindukusch drehen. Entstanden ist ein einfühlsamer, kraftvoller Film über die Liebe und die Hoffnung im kriegsversehrten Land.
Der Dokumentarfilm wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem als Bester Dokumentarfilm am Canberra International Filmfestival.