Narben auf Körper und Seele
2011 gab es in Deutschland 4.100 Fälle von Kindesmisshandlung, 146 Kinder starben an den Folgen der Misshandlung. Darüber hinaus muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.
Meist passieren die Fälle zu Hause in der Familie und die Opfer sind zu klein und hilflos, um auf sich aufmerksam zu machen. Studien gehen davon aus, dass etwa zehn bis 15 Prozent aller Eltern schwerwiegende und relativ häufige Körperstrafen bei ihren Kindern anwenden.
Florian und sein Bruder sind zwei Kinder, denen in ihren Familien Schlimmes angetan wurde. Schläge, Knochenbrüche, Verbrennungen - die Narben lassen die Qualen nur erahnen. Heute leben die beiden Jungen bei einer Dresdner Pflegefamilie. Dort geht es ihnen gut, doch die Misshandlungen haben nicht nur auf ihren Körpern, sondern auch in ihren Seelen Spuren hinterlassen. Spuren, die nie wieder verschwinden werden, wie Proffessor Katharina Braun, Hirnforscherin an der Universität Magdeburg, erklärt. Traumatische Erlebnisse und mangelnde emotionale Zuwendung in früher Kindheit beeinflussen nicht nur durch Erinnerungen das Leben dieser Menschen. Sie können sich auch als veränderte Gehirnstruktur manifestieren und den Betroffenen Lernen und soziale Integration bis ans Lebensende erschweren.
Eine Mutter, die ihre kleine Tochter mit heißem Wasser verbrüht; ein Vater, der sein Kind fast zu Tode schüttelt. Dr. Antje Heilmann kennt solche Fälle. Sie ist Kinderärztin an der der Uniklinik Dresden. Sie weiß aber auch, wie schwer es manchmal ist, eine Misshandlung zu erkennen. Denn nicht jede Misshandlung hinterlässt sichtbare Spuren. Oder diese sind uneindeutig und man kann sie nicht zweifelsfrei zuordnen. Deshalb engagiert sie sich bei dem Modellprojekt "Hinsehen-Erkennen-Handeln - Kinderschutz im Gesundheitswesen". Ärzte sind oft die wichtigsten Zeugen und Gutachter. Obwohl das Gesetz Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vorsieht, kommen Eltern, die ihre Kinder misshandelt haben, vor Gericht mit vergleichsweise geringen Strafen davon manchmal sogar mit dem Freispruch. Rechtsanwältin Anca Kübler begründet es damit, dass die Kinder oft zu klein sind, um als Zeugen aussagen zu können: "Oft sehe ich diese Kinder später wieder, wieder von ihren Eltern misshandelt." Auch wenn sie reden können, schützen sie ihre Eltern. Rechtsmediziner Dr. Uwe Schmidt von der Universitätsklinik Dresden bestätigt das: "Häufig treffe ich mehrmals auf die Kinder. Grün und blau geschlagen, manche von ihnen sind schwerstverletzt. Die wenigsten aber sagen: Das war meine Mama oder mein Papa. Viele erzählen von einem Unfall, dass sie zum Beispiel die Treppe runter gefallen sind oder beim Toben gegen die Tischkante gestoßen sind. Da lügen kleine Kinder für ihre Eltern. Das ist unglaublich."