Kino - Unsere Zeit
Der Titel nimmt Bezug auf den Erstlingsroman von Alexander Solschenizyn, 'Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch', der vom Alltag im Gulag handelt. In dem Film geht es jedoch nicht um Straflager oder Verbannung, sondern um eine Art von Exil, die nicht so leicht zu definieren ist. Andrej Arsenjewitsch lautet der Vor- und Vatersname von Andrej Tarkowski, Sohn des Dichters Arsenij Tarkowski, dessen Gedichte in 'Der Spiegel' (Andrejs am stärksten autobiografisch gefärbtem Film) zu hören sind. Und der besagte Tag ist ebenjener im Januar 1986, an dem Andriuscha, der Sohn von Andrej und Larissa Tarkowski, in Paris seinen Eltern wiederbegegnet. Momente, die von einem Freund der Familie mit der 16-Millimeter-Kamera festgehalten wurden - doch wie 'ein Tautropfen das ganze Universum in sich bergen kann' (so der ukrainische Filmemacher und Schriftsteller Alexander Dowschenko), so enthält dieser Tag für Chris Marker Tarkowskis ganzes Leben. Szenen aus dem Leben und Filmszenen werden miteinander verwoben und reflektieren einander 'wie in einem Spiegel' (so lautet übrigens auch der Titel eines Films von Ingmar Bergman, der rückblickend viele Parallelen zu Tarkowskis 'Opfer' aufweist). Jedes Bild beschwört nicht in linearer Weise ein anderes, sondern mehrere andere herauf. Tarkowski wird zu einer Figur im eigenen Werk, was natürlich auf die Vorgehensweise von Chris Marker zurückzuführen ist, aber auch zum innovativen Geist der Reihe 'Kino - unsere Zeit' passt, in deren Rahmen 'Ein Tag im Leben des Andrej Arsenjewitsch' gezeigt wird. Die Dokumentation gibt einen Überblick über Tarkowskis filmisches Schaffen seit den Anfängen, und stets scheinen die Bilder auf jenen Moment Bezug zu nehmen, den der Regisseur in seinem Tagebuch als 'den vielleicht wichtigsten [seines] Lebens' beschreibt. Alles hängt miteinander zusammen: Andrejs Kommentar zu den Amateurfilm-Aufnahmen, die gefilmte Aussage seine Frau Larissa, der Regen sei ein Zeichen, den seine Filme ihm senden, und die Ankunft seines Sohnes, die an die Kinder in seinen Werken erinnert. In jedem Film scheinen sich die vier Elemente zu einem Plot zu verweben. Den Beweis dafür liefert die letzte Einstellung von 'Opfer', dessen Dreh Tarkowski geradezu übermenschliche Anstrengung kostete. Der Regisseur zeigt sich hier übermütig, beschwingt und witzig, trotz der Krankheit, der er wenige Monate später erliegen wird. Er ist wie besessen von dem Wunsch, Kunst zu liefern, die den Werken großer Maler in nichts nachsteht. 'Ein Tag im Leben des Andrej Arsenjewitsch' beleuchtet anhand der Schauplätze seiner Filme Tarkowskis metaphysischen Ansatz. Seine Figuren müssen eine verbotene Überfahrt zum 'anderen Ufer' wagen. Im Mittelpunkt von 'Stalker' steht eine mysteriöse 'Zone' wie in einer konzentrationslagerartigen Welt, einem Ort des inneren Exils. Bei den Häusern, die in den Filmen zu sehen sind, könnte es sich stets um ein und dasselbe Gebäude handeln, denn die Zimmer und Flure scheinen ineinander überzugehen. Ein Haus, das durch das erzwungene Exil für immer verloren ist. Denn diese Welt ist nicht vollständig der Fantasie des großen russischen Cineasten entsprungen. Daran erinnert die Hauptfigur eines anderen Films von Chris Marker: Der Regisseur Alexander Medwedkin, der 'letzte Bolschewik' aus Markers Film 'Alexanders Grab', bringt seine Trauer über den Tod Tarkowskis zum Ausdruck, dessen Filme in der Sowjetunion stets verboten wurden oder zumindest bei den Behörden auf starken Widerstand stießen. 'Das ist tatsächlich geschehen.' Von seinem Krankenbett aus legte Tarkowski letzte Hand an seinen Film 'Opfer', bevor er starb - elf Monate nach jenem denkwürdigen Tag im Januar 1986. Er hinterließ ein rätselhaftes und unendlich tiefgründiges Werk.