Die Wagners und Bayreuth
Alle Jahre wieder ziehen die Wagnerianer auf den Grünen Hügel und die Wagner-Festspiele in Bayreuth die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Die Festspiele sind ein millionenschweres Großunternehmen in Familienhand, das seit seiner Gründung durch Richard Wagner im Jahr 1876 zwei Weltkriege erlebt, fünf verschiedene politische Systeme vermeintlich unbeschadet überstanden, dem König und Adolf Hitler den Hof gemacht hat. Heute sind die Festspiele Bühne für große Kunst und für ein buntes Völkchen Prominenter aller Art. Nicht nur Wagners Musik hat Bayreuth eine Ausnahmestellung in der deutschen Kultur verschafft, sondern auch das Marketing-Gesamtkunstwerk: der abgelegene Ort, das Konzerthaus, das - vom 'Meister' selbst konzipiert - die Aura einer Weihestätte besitzt, die bedingungslosen Fans, der dunkle Klang deutscher Geschichte - und die knappen Karten. Bayreuth, ein geschichtsträchtiger Ort im Positiven wie im Negativen, ist jedenfalls ein urdeutscher Mythos. Dass der Umgang mit der Geschichte dieses Ortes bis heute ein heikler ist, zeigte zuletzt der Skandal um das Brust-Tattoo des russischen Sängers Evgeny Nikitin sehr eindrücklich. Bayreuth in Verbindung mit Nazi-Symbolik weckt reflexartig düstere Erinnerungen, Presse und Öffentlichkeit sind alarmiert. Die Vereinnahmung der Festspiele für diese Ideologie überschattet das Unternehmen Bayreuth bis heute und fordert auch unter der jetzigen Führung die Urenkelinnen Wagners heraus. Für den Erhalt des Mythos Bayreuth arrangierten sich die Wagners mit Machthabern, gingen fragwürdige Allianzen ein und kämpften nicht selten rücksichtslos gegeneinander - gerade in der Familie. Ob Richard Wagner selbst, ob Cosima, Siegfried, Winifred, Wieland, Wolfgang oder Katharina Wagner, sie alle sind begnadete Inszenatoren dieses Mythos, ihn zu durchleuchten heißt deshalb, vor allem zu erzählen, wie die Familie ihn geprägt hat. Es steht zu befürchten, dass sich die Bayreuther Festspiele auch im Jubeljahr des 200. Geburtstages Richard Wagners nicht kritisch der Geschichte stellen.