Die nackte Wahrheit - Wiener Skandale um 1900
Die Kunst steht in Wien um 1900 im Spannungsfeld zwischen Tradition und Aufbruch in die Moderne. Maler wie Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka greifen schonungslos Tabuthemen auf: Sexualität und Macht, Homoerotik und Geschlechterkampf. Die Empörung des Publikums bleibt nicht aus. Klimt gerät mit den für die Aula der Universität entworfenen Fakultätsbildern in Streit mit der Obrigkeit, Egon Schiele wird für seine radikal offenen Darstellungen von Eros, Leid und Tod vehement angegriffen und kommt für drei Wochen ins Gefängnis. Oskar Kokoschka inszeniert sich mit skandalträchtigen Bühnenstücken und kahl geschorenem Kopf bewusst als Berserker. Auch in der Architektur gibt es radikale Veränderungen: Adolf Loos beschert Wien einen der größten Architekturskandale der Geschichte. Die zeitgenössische Presse beschimpft sein berühmtes Haus am Michaelerplatz als 'obszön nackt'. Ein Ziel verfolgen die Künstler bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam: Es gilt, sich alter Zwänge zu entledigen, Grenzen auszuloten und neue Freiräume zu schaffen. Hart und ungeschminkt wollen sie ihre Wahrheit in der Kunst zum Ausdruck bringen. Sie ziehen der Nacktheit den Schleier des Allegorischen weg, den die Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert noch von ihren gefeierten Künstlern verlangte. Die Darstellung des unbekleideten menschlichen Körpers und die Erkundung der Sexualität in der Kunst fallen in eine Zeit, in der Sigmund Freud das Unterbewusste des Menschen erforscht und an der Entwicklung der Psychoanalyse arbeitet. Die Dokumentation 'Die nackte Wahrheit' erzählt an Originalschauplätzen von den Kunstskandalen um die Jahrhundertwende. Die Gegenüberstellung von Traditionellem und Neuem macht in dem Film die kompromisslose Modernität der Künstler und die bis heute gültige gesellschaftliche Sprengkraft ihrer Werke spürbar.