Das Geschäft mit unserer Gesundheit

Das Geschäft mit unserer Gesundheit

Dokumentation 

Sind kranke Menschen noch Patienten oder längst auch Kunden? Was bedeuten Kostendruck, Bürokratie und demografischer Wandel für das Gesundheitssystem in Norddeutschland?

NDR Reporterin Susann Kowatsch hat das Geschäft mit der Gesundheit untersucht und dafür zusammen mit den Autoren Jan Liebold und Andreas Hilmer Hunderte von Statistiken und Datenbanken ausgewertet.

Die Zahlen liefern spannende Geschichten über das norddeutsche Gesundheitswesen.

Im niedersächsischen Landkreis Wolfenbüttel muss ein Arzt mehr als 2.000 Menschen versorgen. Ganz anders im wohlhabenden Stadtteil Hamburg-Eppendorf. Hier kommen auf einen Arzt, statistisch betrachtet, nur 160 Einwohner. Mediziner zieht es dorthin, wo Patienten Geld haben und wo es viele Privatpatienten gibt. In vielen ländlichen Regionen hingegen gibt es kaum noch Ärzte. In Wolfenbüttel half die "Rollende Arztpraxis" Menschen, die keinen Arzt in der Nähe haben. Doch das Projekt lief Ende des Jahres 2014 aus. Für viele kranke Menschen eine besorgniserregende Situation.

Wie sehr der demografische Wandel die norddeutsche Kliniklandschaft beeinflusst, wird in Schleswig-Holstein sichtbar. Weil in den letzten Jahren immer weniger Kinder geboren wurden, schließen gerade in ländlichen Regionen immer mehr Geburtskliniken. "Erst ab 900 Geburten können privat betriebene Kliniken Geld verdienen", sagen Krankenhausökonomen. Die Folge: Einige Kliniken werden zu hochkomplexen Geburtszentren ausgebaut, in anderen Teilen des Bundeslandes müssen Schwangere lange Fahrtwege zu den Kliniken auf sich nehmen. Werdende Mütter auf Fehmarn müssen gar bis Eutin fahren.

Viele der 371 Kliniken im Norden schreiben rote Zahlen. Der Geschäftsführer des AGAPLESION Diakonieklinikums in Hamburg, Jörn Wessel, sagt zum Wettbewerb zwischen den Krankenhausbetreibern: "Wir haben zu viele Krankenhäuser. Das ist wie ein Pferderennen, bei dem das letzte Pferd von seinem Jockey zum Schlachter gebracht wird. Alle rennen weiter. Aber in jeder Runde muss wieder einer ausscheiden."

Der verschärfte Wettbewerb führt auch zu einem verschärften Kampf um Privatpatienten. In der auf Prostata-Operationen spezialisierten Martini-Klinik am Universitätsklinikum HamburgEppendorf Hamburg erinnert der Krankenhausbetrieb eher an ein Fünfsternehotel. Bis zu 2.800 Euro kostet hier die Behandlung, selbst Privatkassen übernehmen längst nicht alle Kosten. Der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske sagt dazu: "Es gibt zwei Klassen in diesem Bereich der Krankenhausversorgung: die Holzklasse und die Plüschklasse." Topmedizin nur noch mit dickem Geldbeutel?

Bewertung

0,0   0 Stimmen