Camp 14 - Aufgewachsen in Gefangenschaft
"Wir lebten dort lediglich, um die Regeln des Arbeitslagers zu befolgen und am Ende unseres Lebens den Tod zu empfangen. Solch einen Ort bezeichnen die Wärter als 'Total Control Zone'. Wir wussten nichts von der Außenwelt. Wir wussten nur, dass unsere Eltern und Vorfahren sich schuldig gemacht hatten und wir deswegen fleißig arbeiten müssen, um diese Schuld zu bereinigen. Nie sah ich, dass jemandem die Strafe erlassen wurde und er das Arbeitslager verließ. Daher dachte keiner von uns, dass wir diesen Ort je verlassen werden. Es gab manchmal Menschen, die aus Angst vor Schlägen und aus Hunger Fluchtversuche unternahmen, aber sie wurden zum Hassobjekt der Hinterbliebenen und empfingen auf einem öffentlichen Hinrichtungsplatz den Tod." So erzählt es Shin Dong Huyk.
Shin wusste nichts von der Welt außerhalb der Stacheldrahtzäune. Er dachte, dass alle Menschen so leben würden wie er. Im Lager verriet er seine Mutter und musste schließlich mit ansehen, wie sie getötet wurde. Erst mit 23 Jahren gelang ihm durch einen Zufall die Flucht. Eine monatelange Odyssee führte ihn durch Nordkorea nach China und schließlich nach Südkorea. Dort betrat er eine Welt, die ihm völlig unbekannt war.
"Camp 14 - Aufgewachsen in Gefangenschaft" erzählt von den Stationen des dramatischen Lebenswegs von Shin. Animationen lassen Schlüsselszenen seiner Erinnerungen lebendig werden. Regisseur Marc Wiese gelang es zudem, zwei Täter vor die Kamera zu holen:
Hyuk Kwon war Kommandant der Wärter in Camp 22. Er hat Menschen geschlagen, gefoltert und getötet. Die Häftlinge waren für Kwon wertlose Staatsfeinde, die man wie ein Stück Vieh umbringen konnte. Für eine Hinrichtung gab es eine Sonderration Fleisch und zwei Flaschen Alkohol. Kwon hat in seinem Lager heimlich gefilmt, und die Aufnahmen für den Film zur Verfügung gestellt.
Oh Yangnam hat für den Geheimdienst der Polizei in Nordkorea gearbeitet. Er hat hunderte Menschen festgenommen und in die Lager verschleppt. Es folgten die Verhöre, Folter war alltäglich. Heute lebt Oh in Südkorea und hat Angst vor einer Wiedervereinigung. Dann könnten die einstigen Folteropfer vor ihm stehen, sagt er.
Shin lebt heute in Seoul in Südkorea und arbeitet gelegentlich mit der Menschenrechtsorganisation LINK zusammen. Er spricht vor einer Kommission der EU in Brüssel, auf einer Konferenz in Genf oder bei Vorträgen an Universitäten in den USA. Doch angekommen ist Shin in der Freiheit bis heute nicht. Seine Seele lebe nach wie vor in Gefangenschaft, sagt er. In Momenten der Einsamkeit wünscht er sich zurück. Zurück nach Nordkorea in das feste Gefüge des Lagers.