Wilde Azoren

Wilde Azoren

Mitten im Atlantik erhebt sich ein gigantisches Unterwassergebirge. Mit seinen höchsten Spitzen durchdringt es die Wasseroberfläche und bildet die Inselgruppe der Azoren: jede der neun Inseln eine fantastische Welt für sich.

Für Seevögel sind die üppig bewachsenen Inseln vulkanischen Ursprungs ein Brückenkopf zwischen Amerika und Europa. Sturmtaucher - und Seeschwalbenkolonien überziehen die Steilküsten. In den Gewässern des Archipels leben die größten Tiere der Welt: Blauwale. Sie sind auf der Durchreise und treffen auf ihrem Weg von den arktischen Gewässern in wärmere Bereiche des Atlantiks auf Finnwale, Buckelwale und Pottwale.

Für über 20 Walarten auf ihrem langen Weg von und in die arktischen Gewässer ist das Meer vor den Azoreninseln ein üppiger Futterplatz: Mit dem Golfstrom gelangen aus den Tiefen des Ozeans Tausende Tonnen Krill, Biomasse, aus südlichen Gewässern.

So treffen vor den Küsten der Azoren riesige Meeressäuger wie Blauwale, Finnwale, Buckelwale, Pottwale oder Schwertwale auf die größten Fische der Ozeane: Walhaie, Blauhaie oder den seltenen Mondfisch, den größten Knochenfisch der Erde.

Wie Wesen aus einer anderen Welt wirken die Salpen, die aus großer Tiefe an die Oberfläche aufsteigen. Sie sind walzenförmig, fächerartig oder langgestreckt, sehen aus wie runde, durchsichtige Köcher oder transparente Plastikröhrchen. Manche Individuen hängen zusammen und bilden Bänder, die acht Meter Länge und mehr erreichen. Selten kommen Salpen in großen Mengen vor.

An der Südküste der Insel Pico fällt der Vulkanhang steil ab. Nur wenige Seemeilen vor der Küste liegt der Meeresboden bereits in 2.000 Metern Tiefe. Im Scheinwerferlicht des Tauchboots erscheinen fremdartige Wesen. Manche drehen sich um die eigene Achse, andere wieder ziehen wie eine Schlange vorbei, die nächsten senden bunte Lichtsignale.

Die Azoren haben aber mehr als das Unterwasserspektakel zu bieten. Die Landschaften der Inseln mit Basalthöhlen und Wasserfällen sind ebenso spektakulär wie fruchtbar. Überall finden sich grüne, teils von Seen und Teichen durchzogene Vulkankrater. Sie sind ein Süßwasserreservoir für die hier lebenden Vögel, aber auch für Zugvögel, die aus Europa und Amerika kommen und sich auf den Azoren treffen, um hier zu überwintern. Darunter sind Strandpieper, Kiebitzregenpfeifer, Steinwälzer und Steinschmätzer. Ihnen bieten die Kraterlandschaften ein sicheres Refugium mit ausreichend Nahrungsangebot.

Im Lavagestein der Steilküsten brüten Gelbschnabel-Sturmtaucher gut versteckt in kleinen Felslöchern. Ihre Flugleistungen sind rekordverdächtig: Kaum flügge geworden, ziehen die Jungtiere mit den Eltern über den Atlantik, um dort den Winter zu verbringen. Ein einziges Ei wurde im Frühjahr in die karge Nisthöhle gelegt. Nistplätze gibt es genug auf den vulkanischen Azoren, wo sich im brüchigen Lavagestein Höhlensysteme weit über die Inseln erstrecken. Die Gelbschnabel-Sturmtaucher bevorzugen die kleinen Höhlen und Löcher an den Steilküsten. Sobald das Junge geschlüpft ist, verbringen die Elterntiere den ganzen Tag mit der Nahrungssuche am Wasser. Erst wenn es Nacht geworden ist, kommen sie für wenige Stunden zum Nest zurück, um das Jungtier zu versorgen. Das Geschrei der Sturmtaucher gleicht einem krächzenden Wimmern und erfüllt bei Anbruch der Nacht ganze Küstenstriche.

Hunderte Meter, ja oft mehrere Kilometer erstrecken sich die gewaltigen Höhlenröhren über die Inseln. Sie verlaufen in Fließrichtung der einst flüssigheißen Lava von den Vulkanen talwärts. Irgendwann gibt es den Punkt, wo der Höhlenschlund das Meer erreicht, ein Sammelplatz für Unterwassertiere. Im Scheinwerferlicht der Kameras nutzen Fische die Gelegenheit und stoßen in einen Garnelenschwarm. Muränen tauchen auf und vertilgen die Garnelen zu Hunderten. Große Rochen, Oktopusse und Bärenkrebse sind weitere Bewohner dieses düsteren Reichs ohne Tageslicht.

An der Meeresoberfläche gleitet langsam die Portugiesische Galeere dahin. Die Quallenart hat einen transparenten, bläulich schimmernden, ca. 15 Zentimeter langen Körper mit vielen Nesselarmen. Die Nesselfäden sind hochgiftig. Wenn sie nicht eingezogen sind, können sie als bis zu 20 Meter lange Giftschnüre im Wasser nach Beute angeln. Meereslebewesen wie Fische, Garnelen, Salpen, aber auch andere Quallen werden durch diese Fangfäden in wenigen Sekunden getötet. Dann wird die Beute ins Zentrum der Galeere gezogen, zersetzt und verspeist. Die Portugiesische Galeere ist eine Kolonie von Polypen, deren Einzeltiere im Verbund spezielle Fertigkeiten entwickeln und alleine nicht mehr lebensfähig sind.

Das größte Lebewesen des Planeten ist der Blauwal. Ein Exemplar ist zum Atmen an die Meeresoberfläche aufgestiegen. Sein mächtiger Körper ist gut 25 Meter lang. Nur mit Brille, Schnorchel und Flossen gleiten die Kameraleute ins Wasser. Sobald der dunkle Schatten näher kommt, holen sie einmal noch tief Luft und tauchen ab. Der Wal zieht wenige Meter vor den Tauchern vorbei. Die Atemluft wird knapp, denn es dauert eine Weile, bis der riesige Blauwal sich wieder entfernt hat. Fährt man mit dem schnellen Schlauchboot von der Insel Pico nach Süden, ist bald kein Land mehr in Sicht. Wer dann ins Wasser geht und abtaucht, fühlt sich sehr allein und einsam im weiten riesigen Ozeans.

Vor allem, wenn ein Blauhai auf die Kamera zuschwimmt, majestätisch und ruhig. Nicht selten kommen die Tiere mit der Nasenspitze bis auf wenige Zentimeter an die Kameralinse heran und drehen dann ab. Es kommt vor, dass die lange Brustflosse über die Schulter des Kameramanns streicht. Blauhaie sind sanfte "Primaballerinas", sie sind nicht hektisch, aber neugierig.

Erich Pröll: Der Hai, den Nuno Sa filmte, hatte Reste eines Thunfischs zwischen den Zähnen. Schwarze Schwertwale hatten den Fisch attackiert und zerstückelt. Nuno gelingen Aufnahmen, wie der Hai den Thunfisch zerlegt, das alles passiert wenige Zentimeter vor der Kameralinse. Jutta Anna Wirth hält einem anderen Taucher den Rücken frei, sie dirigiert einen anderen Hai langsam zur Seite, während der andere sich auf den vor ihm konzentriert und versucht, gute Aufnahmen zu machen. Spannend wird aber das Auftauchen nach eineinhalb Stunden. Der erste Blick über Wasser, kein Boot weit und breit, nur leichte Dünung und weiter Ozean.

Die Taucher treiben an der Meeresoberfläche, die Sonne steht schon tief. Es ist einer der großen Augenblicke auf den Azoren, wunderschön und doch etwas beklemmend: weit in der Ferne die 2.500 Meter hohe Spitze des Vulkans Pico, rot angeleuchtet von der Abendsonne, unter ihnen das dunkle Meer mit seinen Haien. Doch dann nähert sich tatsächlich das Motorboot, der Skipper hat das Taucherteam gefunden.

Corvo ist die kleinste Insel der Azoren, ein erloschener Vulkan und ganz im Westen gelegen. Ebenso wie Flores ist sie schon Teil der amerikanischen Kontinentalplatte. Der riesige Krater erhebt sich direkt aus dem Meer. In der Caldera befinden sich sumpfige, kleine Seen. Einmal im Jahr, im Oktober, wird Corvo von Birdwatchern aus aller Welt belagert. Sehnsüchtig erwarten sie das jährliche Erscheinen der Zugvögel aus zwei Kontinenten: Amerika und Europa. Manche Vögel kommen sogar aus Grönland auf die Azoren. Hier trifft Europa auf Amerika: über Wasser die winzigen Vögel mit ihren gigantischen Flugleistungen, in den Tiefen des Ozeans die Kontinentalplatten mit ihren Urgewalten, die für die Entstehung der Inselgruppe verantwortlich sind.

Die in UHD-Qualität gedrehte "Universum"-Dokumentation zeigt die kleine Inselgruppe im Atlantik als Brückenkopf zwischen Nord und Süd, Ost und West, zu Wasser wie zu Luft. Während es auf den Inseln selbst keine großen Wildtiere gibt, ist die Biodiversität rund um die Inseln einzigartig. Die Lava - und Basaltfelsen sind aufgrund ihrer exponierten Lage im Atlantik eine Drehscheibe für die größten Tiermigrationen im Atlantik.

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