Unter uns - Rasiert, flambiert und durchgetanzt
Hayrettin Akan ist vor 20 Jahren mit seiner Mutter und elf Geschwistern nach Norddeutschland gekommen. Sie sind kurdische Türken aus Anatolien. Sein Bruder und er arbeiten beide mittlerweile in Güstrow. Hayrettin Akan betreibt einen Friseursalon, sein Bruder Salih einen Obst- und Gemüseladen. "ÖZ Akan" bietet gute Qualität, dafür ist es dort etwas teurer als im Supermarkt. Aber der Laden brummt. Hayrettin praktiziert orientalische Barbierkunst: Flambieren der Ohrmuschel, Zupfen der Augenbrauen mit Bindfäden und das flinke Wedeln mit der klassischen Rasierklinge.
Auch wenn er nicht mehr in die Moschee geht, zum Ramadan fastet er so gut es geht. Und das Fastenbrechen ist ihm ein wichtiges Familienritual. Zum Zuckerfest im Juli, da kommt die ganze Familie zu Hayrettin. Mutter, Schwestern, Brüder, Cousins, Freunde und Kollegen. Da ist dann alles so wie früher in der Heimat in Anatolien, nur mitten in Mecklenburg.
Mittlerweile hat sich die Flüchtlingssituation auch in Güstrow zugespitzt. Ein Teil der Familie von einem syrischen Mitarbeiter der Akans aus der Nähe von Aleppo ist eingetroffen. Der Rest sitzt in einem kleinen Dorf fest unweit der Front zwischen Peschmerga und ISIS-Truppen. Sie telefonieren täglich.
Hayrettin Bruder und ein Mitarbeiter wollen helfen. Sie dolmetschen in den Flüchtlingsunterkünften des Roten Kreuzes. Und auch er selbst hilft, so wie es für ihn typisch ist. Er möchte mit seinen arabischen Mitarbeitern die Neuankömmlinge begrüßen und sie kostenlos rasieren und frisieren. Damit möchte er ihnen ihre Würde wiedergeben.
Bei all der Flüchtlingsdramatik kommt dem kurdischen Friseur eine Ablenkung ganz recht: die Verlobungsfeier seiner Schwester mit 400 Gästen, Musik, Tanz und vielem guten, sehr fettreichem Essen. Und wer organisiert die Party: natürlich Hayrettin Akan, der Barbier. Glanz und Elend liegen in seinem jetzigen Leben ganz dicht beisammen.