Schützenfest in Bahnhofsnähe

Schützenfest in Bahnhofsnähe

„400000 Schützen sind beleidigt - zusammen mit Ochsen auf dem Fernsehschirm“, „Schützen schießen auf die Mattscheibe - ein niedersächsisches Dorf fühlt sich vom Stuttgarter Fernsehen in seiner Ehre angetastet“. So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen bundesdeutscher Zeitungen nach der Ausstrahlung des Films „Schützenfest in Bahnhofsnähe“ am 1. September 1961. Fernsehen wurde schon damals mit großer Aufmerksamkeit von der schreibenden Presse beobachtet. Was war geschehen? Ein SDR-Team um die Autoren Dieter Ertel und Georg Friedel hatte ein Vereinsjubiläum der „Schützengesellschaft von 1866“ zum Anlass genommen, in der Gemeinde Kreiensen eine Reportage über ein Schützenfest zu drehen. Was dabei gelang, war die eindrucksvolle Entlarvung eines irritierenden Korpsgeistes. Ein Rezensent schrieb damals: „Die harmlos als 'Beobachtungen auf dem Dorfe' getarnte Bloßstellung der antiquierten Unternehmung eines niedersächsischen Schützenvereins (der gleichwohl für alle Anachronismen dieser Art in unseren Tagen stand) war vollkommen. Was da ... aus bierseligen Gesichtern an Blick und besonders Wort zutage kam ..., was von Kameradschaft, Tradition, gar dem Heiligtum eines jeden wackeren Schützen Anno 1961 ... faselte, das war ein Kompendium maßvoller Idiotie, fast kommentarlos zur Schau gestellt, und eben deswegen von eindrucksvoller Direktheit. Man konnte schmunzeln, bis einem beklemmend bewußt wurde, dasss diese Art von Geisteshaltung alle Möglichkeiten in sich trägt, aus den Umzäunungen des 'Maßvollen' herauszutreten und wild zu werden.

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