Röchlings letzte Zeugin

Röchlings letzte Zeugin

Die ehemaligen Röchlingschen Eisen-und Stahlwerke Völklingen. Heute zum Teil hochmoderne Stahlschmiede, zum Teil Industriedenkmal. Ihren Bereich Eisenerzeugung, die Alte Hütte, kennen wir seit 1996 als Weltkulturerbe. Die Skyline der 1986 erloschenen Hochöfen, wen fasziniert sie nicht. Um den ehemaligen Konzernchef, Kommerzienrat Hermann Röchling, im Zweiten Weltkrieg Wehrwirtschaftsführer, Mitglied des Rüstungsrates und Reichsbeauftragter für Eisen und Stahl in den besetzten Gebieten, also ein Exponent der Hitlerschen Kriegswirtschaft, wird immer noch gestritten: Darf, soll die gleich zweimal nach ihm benannte Siedlung auf der Bouser Höhe weiter seinen Namen tragen? Das ist ein politischer Streit. Wie der Juniorchef des Werkes, Hermann Röchlings Sohn Karl Theodor, knapp drei Monate vor Kriegsende im Saarland zu Tode kam, war auch einmal Gegenstand politischen Kalküls, damals am Wendepunkt zwischen Krieg und Nachkrieg, zwischen Besatzungsregime und Wiederaufbau. Der Antinazi Karl Theodor Röchling, so stellten es Familienmitglieder und Werksangehörige dar, sei von Handlangern der Gestapo ermordet worden. In der Zeitung dagegen stand im Februar 1945, die Mörder seien Russen gewesen. Was geschah wirklich im Völklinger Eisen- und Stahlwerk am 17. Dezember 1944? Fakt ist: Karl Theodor Röchling und sein Leitender Ingenieur Heinrich Koch kehrten von einem Kontrollgang durch das evakuierte Werk nicht zurück. Erst zwölf Tage später fand man die beiden - tot, erschossen. 2010 machte Inge Plettenberg eine damals 89-jährige Frau aus St. Wendel ausfindig, die am 17. Dezember 1944 am Tatort war. Inge Plettenberg hat sie besucht und ihre Geschichte aufgezeichnet. Die Frau, die 67 Jahre lang mit schrecklichen Erinnerungen lebte, ist rückblickend betrachtet, Röchlings letzte Zeugin. Ihre Aussagen können nun verglichen werden mit den Feststellungen der Anklageakte des Sondergerichts Saarbrücken vom Januar 1945. Im Saarland ist diese Akte nicht mehr auffindbar, doch im Februar 2011 fand Inge Plettenberg sie in Paris, auf der Suche nach Spuren dreier Lebenswege von Völklingen über Sulzbach/Saar und Bruchsal bis nach Aichach. Lebenswege, von denen zwei am 20. März 1945 in einem Steinbruch in Bruchsal endeten - am Tag, als das Völklinger Werk von den Amerikanern besetzt wurde.

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