Kindesmissbrauch - Das Versagen der Politik

Kindesmissbrauch - Das Versagen der Politik

Der zigfache Kindesmissbrauch an der Odenwaldschule oder kirchlichen Einrichtungen wie dem Canisius-Kolleg hat im Frühjahr 2010 über mehrere Wochen lang die Schlagzeilen in Deutschlands Medien bestimmt. Die Bundesregierung reagierte notgedrungen mit der Einberufung eines Runden Tisches. Dort haben zahlreiche Experten Dutzende Vorschläge erarbeitet, vor allem dazu, wie den Betroffenen sexualisierter Gewalt schneller und besser geholfen werden kann.
Kurz vor Ende dieser Legislaturperiode fragt die '45 Min'-Redaktion des NDR erneut nach, was aus den Empfehlungen dieses Runden Tisches geworden ist. Die erschütternden Ergebnisse zeigt diese Dokumentation.
Bessere finanzielle Ausstattung für Fachberatungsstellen, schnellerer Zugang zu Therapien, unkomplizierte Bewilligung durch die Krankenkassen. Ein Hilfsfonds in Höhe von 100 Millionen Euro zur Überbrückung der Versorgungslücken. Anerkennung von Opferleid und verlängerte Verjährungsfristen in der Strafverfolgung. Das sind nur einige der Empfehlungen, die der Runde Tisch der Bundesregierung vor über zwei Jahren mit auf den Weg gegeben hat.
Die Autoren Sebastian Bellwinkel und Anika Giese zeigen, dass ein Großteil der Empfehlungen nur auf dem Papier existiert und Betroffene weiterhin hilf- und schutzlos dastehen. 'Die Diagnose ist gestellt. Man hat ganz viel aufgelistet, was zu tun wäre', sagt Prof. Jörg Fegert, Kinder- und Jugendpsychologe und Mitglied im Fachbeirat des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. 'Meine größte Sorge ist, dass die Politik das Thema für abgearbeitet hält und gar nicht mehr zur Umsetzung kommt. Ich denke, wir sind es den Betroffenen, die sich uns anvertrauen, schuldig, dass jetzt endlich etwas passiert.'
In der Dokumentation wird deutlich, dass z. B. die Situation von Männern, die als kleine Jungen sexuell missbraucht worden sind, katastrophal ist. Die Autoren begleiten Mitarbeiterinnen der Informations- und Beratungsstelle für männliche Betroffene. Sie bieten ein Hilfsangebot für Männer an, weil es für diese im ländlich geprägten Schleswig-Holstein sonst keine Anlaufstelle gibt. Obwohl es bundesweit mindestens mehrere Zehntausend Betroffene gibt, existieren in ganz Deutschland nicht einmal zehn Fachberatungsstellen für Männer - von Therapieplätzen ganz zu schweigen.

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