Jenseits der Toleranz

Jenseits der Toleranz

Wer im Gefängnis war, soll nach seiner Haft eine zweite Chance bekommen. Er soll wieder Teil der Gesellschaft werden. Das ist das juristisch festgeschriebene Ziel des Strafvollzugs in unserer Gesellschaft. Ein Ziel, das Toleranz von uns allen abfordert. Aber wie tolerant sind wir, wenn ein Mörder in unsere Nachbarschaft zieht? Können wir einen ehemaligen Kinderschänder als Arbeitskollegen tolerieren?

Roland lebt seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Isolation. Seine Tage verbringt er im Internet, in Chaträumen. Über seine Sexualdelikte sprechen - das mutet er sich und der Gesellschaft nicht zu. "Ich habe einen Fehler gemacht und wollte dafür einstehen und die Konsequenzen tragen. Doch es ist definitiv so, dass man nach der Haft weiter bestraft wird von der Gesellschaft", sagt er. Der größte Rückschlag: Nachdem sein Heimatdorf von seiner Tat erfahren hat, wurde er von dort vertrieben und lebt nun anonym in der Großstadt.

Ein Leben in Isolation möchte Christian nicht führen. Er wird demnächst aus dem Gefängnis entlassen und bereitet sich intensiv darauf vor, wie er mit seiner Tat nach der Haftstrafe umgeht. Bislang bietet ihm die Justizvollzugsanstalt einen Schutzraum - draußen wird er sich seiner Tat stellen müssen. Er hat seinen Nachbarn erschlagen. Dafür viele Jahre im Gefängnis verbracht. Doch er ahnt: Seine Tat ist mit der Haftstrafe nicht verbüßt.

Johannes Kneifel hat einen offensiven Weg gewählt, mit seiner Tat umzugehen. Er hat ein Buch geschrieben und hält Vorträge über das Verbrechen und sein Leben danach: vom tötenden Neonazi zum Pastor. Er berichtet von anfänglicher Ablehnung. Heute sind seine Lesungen ausgebucht.

Der Film zeigt Grenzen unserer gesellschaftlichen Toleranz. Wie bereitet sich ein Totschläger in seiner Zelle auf die Zeit nach dem Gefängnis vor? Wie reagieren Firmen, wenn er zusammen mit dem einzigen Verwandten, der noch zu ihm hält, auf Jobsuche geht? Der Film geht Bürgerprotesten wie denen in Hamburg-Moorburg nach. Dort wehren sich viele gegen einen Sexualstraftäter, der seit zwei Jahren im Dorf lebt.

Und die Filmemacher gehen den Fragen nach, wie viel Toleranz man aufbringen muss, wie viel zumutbar ist. Schließlich sitzen in den deutschen Gefängnissen etwa 70.000 Menschen. Und fast alle werden entlassen.

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