Heimatabend Essen

Heimatabend Essen

RegionalreportageD  

'Also mich kriegt keiner hier weg. Also wenn, dann musst du mich schon mit dem Sarg hier wegfahren.' Wer so etwas sagt, muss es ernst meinen mit seiner Heimatstadt. Willy Goeken, ehemaliger Kiosk-Besitzer, liebt Essen. Für viele ist es die heimliche Hauptstadt des Ruhrgebiets. Essen ist die zweitgrößte Stadt des Ruhrgebiets und erinnert schon mit ihrer Silhouette an eine große Metropole. Hinter den Fassaden der Essener Hochhäuser verbirgt sich eine Wahrheit, die wenige Außenstehende mit der Ruhrstadt in Verbindung bringen: Essen ist heute Heimat von einigen der umsatzstärksten Wirtschaftsunternehmen in Deutschland. Die Energieriesen E.ON und RWE sind längst aus dem langen Schatten der Kruppdynastie getreten. Der Essener Ballonfahrer Raimund Dreker erinnert sich: 'Krupp war das Unternehmen für Essen und umgedreht: Essen war Krupp.' Viele Menschen arbeiteten im Krieg in der wichtigsten Rüstungsschmiede des Landes. Und die Gussstahlfabrik wurde so natürlich zu einem der wichtigsten Ziele der britischen Bomber. Die Folge: Bei Kriegsende waren fast 90 Prozent der Essener Innenstadt zerstört. Für die Überlebenden und die Heimkehrer begann das Wegräumen der Trümmer und der Wiederaufbau der Stadt. Und das ging schnell. Schon Anfang der 1960er Jahre entstand in der Innenstadt eine der populärsten Einkaufsmeilen des Ruhrgebietes, die Kettwiger Straße. Essen nannte sich jetzt die Einkaufsstadt. Und schon früh konnten die Menschen hier wieder stolz sein auf ihre Stadt: 1955 wurde Rot-Weiß Essen Deutscher Fußballmeister. Neben Essens Idol Helmut Rahn feierten internationale Filmstars bei großen Premieren in der Lichtburg. Romy Schneider entzückte dort auf dem roten Teppich, während die Beatles in der Grugahalle rockten. Zeitweilig hatte die Stadt mehr als 700.000 Einwohner und war damit die größte Stadt des Ruhrgebietes. Das Bergbauimage ließ sich dennoch nicht ganz abschütteln. Denn viele Essener fanden Arbeit im größten Bergwerk der Region: der Zeche Zollverein. Immer wichtiger wurden aber die Beschäftigungsmöglichkeiten in den Büros der großen Firmen. Essen wurde mehr und mehr auch Verwaltungsstadt. Der Konflikt zwischen gut und weniger gut verdienenden Menschen zeichnete sich bald geografisch ab. Hier der graue, von Industrie geprägte Norden, dort der grüne Essener Süden als Heimat des bürgerlichen Establishments. Und 1986 kam dann noch das Aus für die Zeche Zollverein. Essen ist seitdem kohlefreie Zone. Im Verlauf des Strukturwandels entstanden in den ehemaligen Industriestätten kulturelle Zentren, Tanz und Design breiteten sich in den alten Förderanlagen aus. Wo früher Arbeit war, ist jetzt Kultur. Dank des Landes Nordrhein-Westfalen wurde Essen zum Weltkulturerbe. Und 2010 schaffte es Essen zu einem offiziellen Hauptstadttitel: Ein Jahr lang schaute die Welt auf die Kulturhauptstadt Europas. 'Heimatabend Essen' bringt den Zuschauer an Orte, die für Essen von 1940 an eine bedeutende Rolle gespielt haben: das Gelände des Industriegiganten Krupp, das Areal der Zeche Zollverein oder die Regierungszentrale der englischen Militärregierung, die Villa Hügel. Lebendig werden die Orte durch die persönlichen Erinnerungen der Essener Zeitzeugen. Sie schwärmen beispielsweise von der Blumenvielfalt und dem Streichelzoo in den Parkanlagen von Buga und Gruga. Kritisiert werden dabei gerne Stadtplanung und Architektur. Gerd Petermeyer liebt dennoch seine Stadt: 'Man sieht es schon von der Ferne, also wenn man einen guten Blick hat, dann sieht man die vier, fünf Riesen schon als Skyline. Es hat schon was Mondänes, ist doch klar.' Mit den Essenern: Raimund Dreker, Willy Goeken, Ilse Storb, Hennes Multhaup, Gerd Petermeyer, Stefan Stoppok. Sprecherin: Marie-Luise Marjan

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