Glückliche Nichtstuer

Glückliche Nichtstuer

Leben wir, um zu arbeiten, oder arbeiten wir, um zu leben? Das süße Nichtstun, die göttliche Muße, eine Fünf auch mal gerade sein lassen zu können - das ist nicht die Stärke von uns Deutschen. In unserem Land, in dem Arbeit weit mehr als nur das halbe Leben bedeutet und in dem Faulheit geächtet wird, sind sie deshalb auch schon fast ausgestorben: die glücklichen Nichtstuer.Für Jochen Picht (39) aus Köln ist es nicht schlimm, ohne Arbeit zu sein. Er ist 'bekennender Hartz IV-Empfänger'. Das bedeutet für ihn nicht, auf der faulen Haut zu liegen, sondern vor allen Dingen viele Freiheiten zu haben. Die Freiheit, überlegen und lesen zu können, die Freiheit, Herr über seine eigene Zeit zu sein, und die Freiheit, wann immer und ohne Stress und Hektik auf andere Menschen zugehen zu können. Für ihn ist Muße deshalb eher ein 'tätiges Nichtstun'. Dabei erfüllt der studierte Soziologe und Philosoph so gar nicht das Klischee des deprimierten Hartz IV-Empfängers aus den Medien. Er hat keinen Fernseher, keinen Kühlschrank und abonniert auch keine Handyklingeltöne. Seine einzige Passion sind seine Mofas, mit denen er gemächlich durch Köln knattert. 'Ich lebe zunächst einmal', umschreibt er sein Lebenskonzept. Mit Würde, Bescheidenheit, einem ausgeprägten Sinn für Humor und vor allen Dingen einer ordentlichen Portion an innerer Freiheit bewegt sich Jochen Picht durch seinen Alltag. Diese entspannte Haltung zum Leben musste sich Axel Braig (55) erst einmal 'erarbeiten'. 'Eigentlich hätte aus mir ein fleißiger Mensch werden sollen', behauptet der ehemalige, angesehene Arzt aus Tübingen, der vor sechs Jahren seinen Beruf an den Nagel gehängt hat. 'Doch ich fühle mich zu vielem berufen - nicht nur zur Medizin. Außerdem verspürte ich dieses immense, innere Bedürfnis nach Faulheit!' Seitdem studiert er wieder Philosophie und kümmert sich um den Haushalt und seine drei Töchter, während seine Frau weiterhin als Ärztin arbeitet. Statt jedoch als Vorbild der Emanzipation zu gelten, schlug dem 'Faulenzer' starker sozialer Gegenwind entgegen.

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