Dokumentationen

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Am 6. und 9. August 1945 detonierten im Pazifikkrieg über Hiroshima und Nagasaki die beiden einzigen Atombomben der Kriegsgeschichte. Seitdem hält sich weltweit die These, dass diese Waffe den Zweiten Weltkrieg beendet habe.

Diese Behauptung sei jedoch immer falsch gewesen, beklagen internationale Historiker in dieser Dokumentation von Klaus Scherer. In Wahrheit hätten die Angriffe lediglich Japans Großstädte Nummer 67 und 68 zerstört, sagen sie. Viel mehr als die Atombomben habe der Kriegseintritt der Sowjetunion in den Pazifikkrieg am 8. August 1945 unter Bruch des gültigen Neutralitätspaktes Japan kapitulieren lassesn, erklären etwa der japanische Historiker Tsuyoshi Hasegawa und der US-amerikanische Oppenheimer-Biograf Martin Sherwin, die als Forscher auch russische Archive ausgewertet haben. Denn Japan habe bis zuletzt auf Moskau als Vermittler einer diplomatischen Lösung gehofft. Militärisch sei das Land längst besiegt gewesen. Auch habe Amerika von Tokios Friedensavancen via Moskau gewusst.

Warum aber fielen dann noch die Atombomben? Und warum gleich auf zwei Städte? Grimme-Preisträger Klaus Scherer, der zehn Jahre lang als ARD-Korrespondent in Japan und Amerika gelebt hat, sucht darauf in seiner aufwändigen Dokumentation Antworten und entzaubert so den Mythos der Atombomben als perfide Verklärung eines mutmaßlichen Kriegsverbrechens an weit über 100.000 Zivilisten.

70 Jahre nach Kriegsende lenkt Scherer dabei den Blick vor allem auf die Opfer von Nagasaki, die in bisherigen Rückschauen meist zu kurz kamen. Er spricht dort mit den letzten Zeitzeugen, die als Schulkinder Atomblitz und Druckwelle mit Glück überlebten, hört den ergreifenden Liedern zu, die ihr "Chor der Strahlenopfer" bis heute singt, und findet sogar eine Kiste mit Originalfotos, die ein japanischer Fotograf nach dem Atomangriff aufgenommen hatte. "Ich mache seit über 20 Jahren Interviews. Kaum etwas ging mir so nahe wie die Schilderungen der Alten, die als Sechsjährige tagelang zwischen Toten und Sterbenden umher irrten", sagt Scherer.

In Amerika besucht das NDR Team für den Film einen der Bombenbauer im damaligen Geheimlabor von Los Alamos und spricht mit dem letzten noch lebenden Elitesoldaten der Atombombenmissionen, der stolz den Atompilz vor seinem Bordfenster fotografierte, während unter ihm unzählige Menschen verglühten.

In US-Archiven fand Scherer schließlich militärische Wochenschauen, die die Geschichtsfälschung belegen. "Zu den ersten Originalbildern, die US-Soldaten im zerstörten Japan aufnahmen, berichteten sie 1945 noch wörtlich, dass der Gegner schon lange vor den Atombomben vernichtend geschlagen war", so Scherer. "Ein Jahr danach jedoch, am ersten Jahrestag des "Victory Day", hörten die Amerikaner das glatte Gegenteil. Japan sei hochgerüstet und kampfentschlossen gewesen, hieß es nun. Erst die Hiroshima-Bombe habe die "Japse" zögern lassen. Dann sei der entscheidende Schlag auf Nagasaki gefolgt und sie hätten kapituliert."

Am Ende verdichtet sich das Bild, dass Washington das Kriegsende im Pazifik sogar hinauszögerte, um die Bomben noch auf dem Schlachtfeld zu testen und damit zugleich Moskau als konkurrierende Siegermacht zu verhindern. Da es zwei Baustoffe für die Bomben gab, seien von vornherein zwei Abwürfe geplant gewesen, erläutert US-Historiker Peter Kuznick von der Washingtoner American University. "Auf Hiroshima fiel eine Uranbombe, auf Nagasaki eine Plutoniumbombe", zitiert ihn der Film. "Hätte es noch eine Thoriumbombe gegeben, wären drei gefallen."

Bis heute werfen die Opfer den USA vor, sie hätten in Japan bewusst Menschenversuche durchgeführt. Dennoch geben sie in der Doku ihrem eigenen Land eine Mitschuld an der Tragödie. "Tatsächlich sind wir Opfer zweier Regierungen, die den Krieg früher hätten beenden können", sagen sie in Interviews.

Warum brach sich dies in der öffentlichen Wahrnehmung nie Bahn, fragt Scherer die Historiker zuletzt. "Weil die verklärte Variante beiden Ländern sehr gelegen kam", antworten sie. "Amerika konnte so die teuren und grausamen Bomben rechtfertigen, und Japans Kaiser hatte vor seinem hungernden Volk eine Ausrede für die Niederlage."

Pulitzer-Preisträger Martin Sherwin hält die Zeit nach 70 Jahren reif für eine Entschuldigung bei den Opfern. Im Film benennt er allerdings ebenso offen, warum dies bisher nicht geschah: "Dieser Krieg war unser Krieg, und er war ein guter Krieg", sagt er im Gespräch. "Wir hatten den Faschismus in Europa besiegt und den Militarismus im Pazifik. Dass auf all dem letztlich ein dunkler Schatten liegen sollte, vermochte Amerika nie zu ertragen."

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