Die Pendler von Gleis 13

Die Pendler von Gleis 13

Der Schweriner Thorsten Esche musste erst drei Autos zu Schrott fahren, bis ihm klar wurde, dass die tägliche Arbeitsfahrt nach Hamburg ihn auf der Straße irgendwann das Leben kosten würde. Vor zehn Jahren stieg er auf die Bahn um und sitzt seither jeden Tag zwei Stunden mit immer denselben Menschen im Zug. Sie alle teilen das gleiche Pendlerschicksal und versuchen doch, gemeinsam das Beste daraus zu machen. Der IC um 6.03 Uhr ist montags bis freitags fast komplett mit Pendlern besetzt: Da steht Mandy am Gleis, deren Mann während der Woche in Berlin arbeitet, und die ihren Sohn um 5.30 Uhr allein am Frühstückstisch zurückgelassen hat. Daneben steht Petra und gähnt, sie hat schon eine halbe Stunde Anfahrt von ihrem Dorf hinter sich. Dort hat sie ihr ländliches Idyll mit Garten und Bienenzucht, das sie nie gegen Hamburg eintauschen würde. Sie haben immer die gleiche Sitzordnung, die gleichen Rituale: Nach den ersten zehn Minuten Fahrt erstirbt das Zeitungsrascheln und das leise Geplauder - die Pendler versuchen, ihren Schlaf nachzuholen. Die Fahrerei zehrt auch an ihrer Gesundheit. In Hamburg zerstreut sich die Mecklenburger Clique auf die Büros der Großstadt. Die Jobs sind verhältnismäßig sicher, geregelt und gut bezahlt. Über die verlorene Lebenszeit denken sie nicht mehr nach. Aus der Notgemeinschaft im Zug sind auch Freundschaften entstanden. Nach Hamburg umzuziehen kommt für niemanden in Frage: zu teuer, zu groß, zu anonym, zu familienunfreundlich.

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