Die importierte Heimat

Die importierte Heimat

Rund 780.000 Einwanderer aus den Staaten der Ex-Sowjetunion leben in Nordrhein-Westfalen. Die meisten sind in den neunziger Jahren eingereist: die Russlanddeutschen als verfolgte Volksminderheit des sowjetischen Regimes, die Juden als Kontingentflüchtlinge nach einem der letzten Gesetze der DDR. Die meisten Einwanderer fühlen sich in Deutschland wohl, können aber ihre alte Heimat nicht vergessen. Sie sprechen Russisch, hören russische Musik, pflegen die alten Essgewohnheiten und Alltagsrituale. Inna Krause, eine selbstbewusste Geschäftsfrau aus Odessa, ist Besitzerin eines russischen Ladens in Mönchengladbach. Für ihre Kunden ist der Laden eine Art Begegnungsclub. Man fühle sich hier wie in Russland, meinen viele. Die fünffache Mutter Rosa Schneider, eine Russlanddeutsche aus Kasachstan, schwelgt in Kindheitserinnerungen vor dem Regal mit russischem Konfekt. Der tschetschenische Kriegsflüchtling Schamsudin Achmadow sucht nach der verlorenen Heimat vor dem Bücherbord mit den kyrillischen Schriftzeichen. Um noch mehr Kundschaft anzulocken, hat Inna Krause einen russischen Friseursalon am Eingang des Supermarktes eröffnet. An der Glasfront hängt ein Plakat der 'Wolga-Virtuosen', eines Ensembles für russische Volksinstrumente unter der Leitung von Jouri Kostew. Wenn seine Musiker mit Enthusiasmus feurige und sentimentale russische Volksmusik auf höchstem Niveau bieten, schlagen sowohl die Herzen ihrer Landsleute, als auch die der begeisterten Einheimischen höher. Die Reportage zeichnet ein intimes Bild des Alltags dieser großen Migrantengruppe. Die einen sind erfolgreich und gut integriert, die anderen nicht. Doch man spürt die verständliche Nähe zur russischen Kultur, an die sie sich meist nostalgisch erinnern.

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