Die Ängste bleiben lebenslang - Kriegskinder erinnern sich
Der Krieg verdunkelte ihre Kindheit, grausame Erinnerungen haben sich in die Kinderseelen eingeprägt und wurden nie verwunden. Sie haben verdrängt, um zu leben.
"Meine Mutter hat immer gesagt, an meinem Geburtstag, jahrzehntelang: Ja, dann kam der Krieg und dann wurdest Du geboren", erinnert Annemarie Langfeld und beschreibt damit, wie untrennbar der Zweite Weltkrieg und ihre Biografie miteinander verwoben sind.
"Der Krieg hat mich ganz und gar geprägt - bis heute. Jeden Tag stehe ich damit auf und jeden Abend gehe ich damit ins Bett", so der Historiker Rolf Schörken, der als 16-Jähriger im Krieg ein Bein verloren hat. Die Kölnerin Magdalene Imig, geboren im Bombenhagel: "Ich habe alle Ängste in mir drin, die der Krieg mit sich gebracht hat."
1,8 Millionen Menschen, die in der heutigen Bundesrepublik leben, haben ihre Kindheit in den Kriegsjahren erlebt. Sie mussten früh erwachsen werden und hätten allen Grund gehabt, um über ihre verpasste Kindheit und Jugend zu weinen. Aber sie haben es nicht getan. Sie haben sich das Recht dazu nicht zugestanden. "Den von den Nazis verfolgten und umgebrachten jüdischen Kindern ging es doch viel schlimmer als uns" - also beklagten sie sich nicht, sprachen nicht über das erlebte Grauen. Doch die Bilder, Geräusche und Gerüche begleiten sie ein Leben lang.
Die damaligen Kriegskinder sind heute an dem Punkt angelangt, wo man Bilanz zieht, wo Aufgaben und Verantwortung entfallen. Vielen kommt nun zum ersten Mal der Gedanke, dass die frühen Erlebnisse nicht spurlos an ihnen vorbei gegangen sind. "Noch gar nicht lange her, da saßen wir im Garten, und da flog die JU 52, das Oldtimer-Flugzeug, über uns, das machte hier die Runde, und ich bin voller Panik unter meinen Johannisbeerbusch geflüchtet. Ich habe das Gesicht abgedeckt, so wie ich es im Krieg gelernt hatte. Meine Mutter hatte immer gesagt: Gesicht abdecken, das leuchtet, das sieht man von den Tieffliegern aus, und ich habe das Gesicht abgedeckt und unter dem Johannisbeerbusch gelegen, und da habe ich erst einmal begriffen, dass der Krieg etwas bei mir angerichtet hat. Das war mir gar nicht klar gewesen", berichtet Annemarie Langfeld unter Tränen. Es ist ein später Abschied von der so früh gewaltsam beendeten Kindheit.