Blind am Abgrund

Blind am Abgrund

Seine Hände tasten jede Kante und Spalte des harten Felsen ab. Ganz langsam. Unter Andy Holzer liegt nichts als der Abgrund, weit über ihm die Laserz-Wand. Eine fast senkrechte Kante, die 2.614 Meter in den Himmel der Lienzer Dolomiten ragt. Andy Holzer fühlt den Berg, sehen kann er ihn nicht - der 42-Jährige ist von Geburt an blind. Sein Ziel: Die höchsten Gipfel eines jeden Kontinents, die Seven Summits. Am Mount McKinley in Alaska, das war sein vierter Seven Summit, wird die Gratwanderung zwischen Leben und Tod für ihn immer schmaler. Tagelang sitzt er bei minus 25 Grad und Schneesturm auf 4.300 Meter fest; bis endlich die Wolken aufreißen.Andy Holzer geben diese Grenzerfahrungen alles, er fühlt sich für ein paar Seillängen in der absoluten Gegenwart, nur er und die Natur. Unten im Tal, in der Stadt, weicht er nicht von der Seite seiner Frau. Sie muss ihn durch die Straßen führen. Frei und sicher fühlt er sich nur in den Bergen, auch im Winter, wenn er die Tourenski anschnallt. Er verlässt sich auf sein Gespür für Schnee und folgt nur dem Geräusch seines Vordermannes, steil bergab auf einsamen Hochgebirgshängen.'Seit er als Kind das erste Mal ein Gipfelkreuz berührt hat, ist er bergsüchtig', sagt seine Mutter, 'und das hat uns im Dorf viel Ärger gemacht.' Ein Blinder gehört nicht in die Berge, so die Vorwürfe. Doch Andy Holzer sieht Widerstand als Herausforderung, so als gelte es, eine überhängende Wand im Fels zu bezwingen. Zwölf Monate an der Seite eines ungewöhnlichen Menschen, mit ihm bei der Arbeit, bei Freunden und der Familie, mit ihm am Seil und auf schneebedeckten Gipfeln. Eine Reportage über ein Leiden, eine Passion und die Kraft der Selbstbehauptung.

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